Ángeles Caso – Contra el viento

Es scheint unmöglich, dass São aus Kap Verde dem Schicksal entfliehen kann, dass jeder Frau aus ihrem Dorf vorherbestimmt ist: Geboren, um zu arbeiten, Kinder zu gebären, einem Mann zu gehorchen und vor allem, um arm zu sein.
São jedoch ist klug und hat den ehrgeizigen Traum, Ärztin zu werden, seit sie miterleben musste, wie ihre Freundin an Fieber starb.

Doch die Welt ist gegen sie und wirft sie nieder, wieder und wieder. Es gelingt ihr nach Portugal auszuwandern, dann nach Spanien, doch es mangelt immer an Geld, das zwischen ihr und einer höheren Ausbildung steht. Und dann verliebt sie sich in einen Mann, von dem sie schwanger wird, und der sich als gewalttätiger Trinker entpuppt. Sie flieht mit Hilfe von Freundinnen, die sich selbst im Leben auf die ein oder andere Weise behaupten mussten, und findet am Ende zwar nicht die Erfüllung ihres Traumes, dafür aber Stärke in der Liebe zu ihrem Sohn und ihren starken Freundschaften.

Die Geschichte ist auf eine Weise einfühlsam geschrieben, die ohne viele Worte und Erklärungen zurechtkommt. An keiner Stelle wird es langatmig, obwohl die Handlung an sich nicht außergewöhnlich ist. Sãos Lebensweg ist nicht besser oder schlechter als es tatsächlich sein könnte, auch wenn ihre unerschütterliche Lebenskraft und Güte bemerkenswert sind. Und das einzig Unglaubwürdige vielleicht an der Geschichte. Meiner Meinung nach ist sie ein wenig zu naiv, in Anbetracht all dessen, was sie in ihrem Leben durchmachen muss und wie man sie behandelt.
Was ich allerdings heute gelesen habe: Der Roman basiert auf den Erfahrungen einer Immigrantin und Freundin der Autorin. Ob diese Frau jedoch nicht zeitweise verzweifelt ist an ihrem Leben, das sie mit Füßen getreten hat, oder ob sie tatsächlich durchweg diese starke Flamme Lebensmut in sich bewahren konnte, wie es Ángeles Caso darstellt, wird man nicht erfahren.

Anfangs war ich etwas verwundert, dass ich las und las, aber die Hauptfigur nicht auftauchte. Den Einstieg machte die recht deprimierende Geschichte einer Frau, die später Sãos Freundin wird, darauf folgte die Geschichte von Sãos Ziehmutter und schließlich die von Jovita, Sãos Mutter. Während São aufwächst, begegnet sie immer wieder Frauen, die gelernt haben, aus ihrer Lebenssituation das Beste herauszuholen.
Die Rahmenhandlung macht Sãos Geschichte, aber gespickt ist diese von nicht minder besonderen Lebenswegen vieler Frauen. Nach meinem Gefühl sind die es, die dem Buch seinen Charakter geben.

Das Buch hat einen wichtigen Preis erhalten. Mir hat es gefallen, aber da ich erst im Nachhinein erfahren habe, dass es auf realen Erlebnissen basiert, hat mich die Geschichte während des Lebens nicht so berührt, wie sie es könnte. Sie bleibt etwas zu oberflächlich, etwas „märchenhaft“ in seiner Erzählweise, der Leser wird nicht richtig hineingezogen. Ist der Erzähler auktorial? Ich weiß es nicht mehr, aber es kommt mir so vor. Das Buch ist dünn, ich habe das Gefühl, es könnte noch ein bisschen Fleisch dran.

„Contra el viento“ heißt übrigens „gegen den Wind“. Und in Kap Verde wird Portugiesisch gesprochen, das war mir neu. Nein, ich muss ehrlich sein: Das ganze Land war mir neu …

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5 Kommentare

  1. Schöne Buchbesprechung. So richtig definitiv habe ich jetzt nicht herausgehört, ob Du es aus Deiner Sicht empfehlen kannst. Ich kenne den Autor gar nicht. Manchmal sind Romane aus anderen Ländern, auch wenn die Figuren vielleicht optimierbar wären, trotzdem interessant, weil man etwas über die Lebens- und Denkweisen dort erfährt. Ist das bei diesem Buch so?

    1. Danke! Eigentlich wollte ich was schreiben und am Ende sagen, dass ich das Buch eher doof fand. Aber wie es so kommt, stellt man am Ende fest, dass es doch nicht so schlecht war – sogar ziemlich gut.
      Aber ich würde es nicht so aus heiterem Himmel weiterempfehlen, das mach ich bei Büchern, die mir näher am Herzen liegen.

      Das ist auch so eine Sache, die nicht ganz angekommen ist. Lebens- und Denkweisen anderer Kulturen finde ich auch sehr spannend, aber in diesem Fall kam in dieser Hinsicht nix vor, was man nicht schon kennt …
      Ich kannte die Autorin vorher auch nicht, aber in Spanien scheint sie bekannt zu sein.

  2. Sehe gerade meinen Kommentar. Klingt so, als müsse man das Buch nicht lesen, weil von einer Frau geschrieben.
    So war das natürlich nicht gemeint. Das „muss man nicht lesen“ bezog sich auf Deine abschließende Bewertung.

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