Anita Nair – El vagón de las mujeres

Ich war einmal in Sri Lanka, das ist nicht Indien, aber als westlicher Tölpel wage ich es zu sagen, dass sich die Länder ähneln, zumindest in der Undurchschaubarkeit ihrer Menschen. Immer ein Lächeln im Gesicht, dazu dieses Kopfwackeln, das aussieht als könne es alles bedeuten, und nichts über das verrät, was tatsächlich im Kopf vorgeht. Ich kann mir vorstellen, dass es mit den meisten Indern schwer ist über Dinge wie Liebe, Sex oder die eigenen, intimsten Wünsche zu reden.
Ja, das ist sicherlich mit den meisten Menschen schwer, aber ich hatte bisher keinen engen Kontakt mit Indern. Deshalb musste ein Buch einer indischen Autorin her.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war es sehr schwer für indische Autorinnen Bücher zu veröffentlichen, dann nahmen es Verlegerinnen in die Hand sich auf Literatur von Frauen zu spezialisieren. Mittlerweile hat sich eine starke Plattform gebildet. Noch schwerer war (und ist) es allerdings auch, indische Literatur an ein internationales Publikum zu bringen, weil es so viele indische Sprachen gibt, für die es keine Übersetzer gibt.
Anita Nair, die Autorin von El vagón de las mujeres (Ladies Coupé auf Englisch) gehört zu den sogenannten „Mainstream“-Autoren, die auf Englisch schreiben und auch einen internationalen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Was Mainstream in Indien heißt, ist noch lange kein Mainstream in Deutschland, und mir ein interessanter Einblick in die Gedanken- und Schreibwelt einer indischen Frau.

El vagón de las mujeres heißt übersetzt „Der Waggon der Frauen“. In diesem treffen sechs einzigartige und doch ganz gewöhnliche Frauen aufeinander, die sich ihre Lebensgeschichten erzählen.
Akhila, die Protagonistin, ist fünfundvierzig, alleinstehend und kommt aus einer konservativen tamilischen Familie. Sie hat nie ihr eigenes Leben gelebt, sich immer nur gekümmert, war immer nur Tochter, Schwester oder Tante. Stets darauf bedacht, es allen recht zu machen und somit auf ihre eigenen Bedürfnisse, auf die Liebe und die Ehe zu verzichten, hat sie eines Tages genug und setzt sich in einen Zug, der sie weit weg bringen soll von ihren belastenden Verantwortungen.
Sie teilt das Abteil mit Janaki, einer älteren Dame und verwöhnten Ehefrau, mit Margaret, einer klugen Frau und Chemielehrerin, die den Narzissmus ihres Mannes satt hat, mit Prabha Devi, der perfekten Tochter und perfekten Ehefrau, die eines Tages beschließt schwimmen zu lernen und ihr Leben auf den Kopf stellt, mit der vierzehnjährigen Sheela, die von ihrer Familie missverstanden wird, und mit Marikolanthu, die die Liebe zu ihrem Sohn finden musste.

So unterschiedlich die Geschichten der Frauen auch sein mögen, so haben sie doch gemein, dass sie alle gekämpft haben, um herauszufinden, wer sie sind und dieses Ich zu verwirklichen. Immer waren es die Familien, die Ehemänner, die Gesellschaft, die sie in eine Rolle zwängten, in der sie sich nicht wohl fühlten und unter der sie litten. Und stets wiederholt sich die Frage, ob eine Frau sich auch ohne Mann an ihrer Seite glücklich und vollkommen fühlen kann.
Die Worte ihrer Mitreisenden geben Akhila den Mut zu sagen, dass auch sie stark, klug und vor allem nicht zu alt ist, um ihr Leben in die Hand zu nehmen, und so lässt sie sich auf ein Abenteuer ein, das sie vor wenigen Tagen nicht zu träumen gewagt hätte.

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