Schreiben über das Reden

Das Phantastische Quartett ist mittlerweile bei seiner sechsten Folge angelangt, und hat sich diesmal der Dialoge in Romanen angenommen. Extrem wichtiges Thema.
Mir fällt auf: Die Sitzplätze wurden gewechselt. Und Ann-Kathrin Karschnick ist sehr aktiv. Das gefällt mir. Sie könnte für meinen Geschmack sogar noch mehr zu Wort kommen. Meist ist nämlich Tom Finn der Sprachführer des Quartetts, wohl auch weil er der erfahrenste – zumindest der bekannteste – der drei Autoren ist, und zudem ein guter Redner.
Nicht jeder Schreiber ist zwangsläufig ein guter Redner, oft ist genau das Gegenteil der Fall. Ich schließe mich da mit ein. Reden macht mich manchmal nervös, auch deshalb habe ich mich rettend auf den Stift gestürzt. Mehr Zeit um mir zu überlegen, was ich ausdrücken möchte, und mehr Zeit um es schön zu tun.

Aber darum gehts mir hier gar nicht, obwohl es auch mit „Sprechen“ im weitesten Sinne zu tun hat. Dialoge in Romanen, also: Die erste Aussage von Anett Enzmann und Thomas Plischke ist die, dass es über Dialoge kaum bis gar keine Fachliteratur gibt. Da muss ich widersprechen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es für das Schreiben von Dramen Fachliteratur geben muss und da geht es um nichts anderes als um Dialoge.
Was Prosa angeht, gibt es in der englischsprachigen Creative-Writing-Welt in jedem Fall ganze Bände, die sich mit dem Dialogbau beschäftigen, Dialogue: Techniques and Exercises for Crafting Effective Dialogue von Gloria Kempton ist so einer.
In diesem Schreibkurs da … haben wir ein Kapitel daraus durchgenommen. In „In their own words – Delivering the characters and their motivations to the reader“ wird das Enneagramm vorgestellt, ein Modell, das die Menschheit in neun Charaktertypen unterteilt und ihnen eine Nummer und Stärken und Schwächen zuordnet. Es gibt hübsche kleine Tests, mit denen man herausfinden kann, zu welchem Typen man gehört und anhand der Punktzahl auch ermitteln kann, welchen anderen Charaktertypen noch man teilweise entspricht.  So ein Modell ist nicht neu, aber ich habe es zum ersten Mal im Zusammenhang mit Creative Writing, bzw. mit Techniken zum Schreiben von Dialogen gesehen.
Ganz nützlich, wenn man weiß, dass die sich unterhaltenden Personen in einer Geschichte z.B. den Typen „Achiever“, „Peacemaker“ und „Artist“ angehören und so allein durch ihre gegensätzlichen Charaktereigenschaften ordentlich Futter für Gesprächskonflikte liefern. Natürlich ist das kein Patentrezept und sowieso irgendwo im Unterbewusstsein das Verfahren dem Schreiber klar, aber ich war hoch erfreut, wie viel besser ich mich in die eine oder andere Figur hineinversetzen konnte.

Ansonsten hat es wie immer Spaß gemacht dem Q4 zu lauschen. Es geht um die persönlichen Erfahrungen der Autoren, die da sitzen, darum wie sie an ihre Geschichten und Romane herangehen. Ich muss zugeben, außer einem Roman von Tom Finn habe ich noch keinen Text der Autoren gelesen und kann daher nicht sagen, ob sie ihre Tipps auch so umsetzen, wie sie es sagen.
Guter Dialog ist etwas, das meiner Meinung nach mit guter Menschenkenntnis und einem aufmerksamem Ohr lernt. So viel hängt davon ab, der Dialog zeigt, ob eine Geschichte es in sich hat oder nicht. Aber ich glaube, es gibt Viele, die den Fehler machen zu sagen: Sprechen kann ich, ist doch das Natürlichste der Welt. Dann sind auch Dialoge ein Klacks.

Ja, von wegen. Dialog in Schriftform muss auf den Punkt genau sein, die Balance finden zwischen Natürlichkeit und Kunst, muss immer zugespitzt sein, und wenn humorvoll, dann wirklich witzig, und darf nie, nie überflüssig sein oder als Füllmittel missbraucht werden. Tatsächlich ist Dialog eines der schwierigsten Gebiete des Schreibens, weil er eben nach diesem Gleichgewicht verlangt, der Realität und Natürlichkeit vortäuscht. Dialog ist das Einzige, das eine genaue Entsprechung seiner hörbaren Form in der schriftlichen Form wiederfindet. Alles andere um den Dialog herum ist offensichtlich künstlich, weil wir es außerhalb der Schriftform auch jenseits von Worten erleben, als Gedanken, als Bilder, als Gegenstände.

Es lebe die Sprache.

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4 Kommentare

  1. Das Enneagramm habe ich auch bereits das öfteren zur Charakterisierung genutzt. Also nicht nur für Dialoge sondern als Hilfe um glaubhafte und interessante Charaktere zu erstellen. Es gibt auch andere Typologien mit ähnlichem System, wie diesen Vergleich zum Enneagramm: http://www.typentest.de/typentest_de_-_vergleich_zum_e/typentest_de_-_vergleich_zum_e.htm
    Dort gibt es 16 Typen statt 9 wie im Enneagramm. Bin gerade dabei mich dort einzuarbeiten um anhand der dortigen Typen ein paar Charaktere zu entwickeln. Mal sehen wie die im Vergleich zu den Enneagramm-Typen wirken.
    Frohes Schaffen!
    Iko

    1. Ah ja, nochmal aufgebröselt.
      So, ich bin also ein ITFS. Diese Tests an sich selbst anzuwenden, ist irgendwie immer kacke.
      Aber um Charaktere zu bauen, sind Persönlichkeitstests wirklich ganz nützlich, vor allem, wenn einem nicht so ganz klar ist, worauf man mit der Figur hinauswill.

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