Der Golem und seine Identität

Die ersten Seiten eines Romans lese ich sehr aufmerksam, aus Angst, dass mir etwas Wichtiges entgehen könnte, das für den Verlauf der Geschichte oder den Protagonisten von Bedeutung ist.
Der Golem beginnt mit einem wirren Traum über einen Stein, der „aussieht wie ein Stück Fett“, ein Bild, das sich hartnäckig durch den ganzen Roman zieht. Und er beginnt mit einem Hut, der dem Träumer nicht gehört und in den der Name Athanasius Pernath gestickt ist, woraufhin er dessen Identität annimmt.
Dieser abstrakte Traum ist in der Tat wichtig, aber ich habe vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen …

Ich bin ein bisschen arglos und unwissend an diesen Roman herangegangen, manchmal hilft es doch, sich vorher zu informieren, auf was man sich einlässt. Und so dachte ich eine ganze Weile, dass es sich hier tatsächlich um einen klassischen Schauerroman handelt, in dem der Golem leibhaftig auftaucht. Tut er aber nicht, zumindest nicht „in Fleisch und Blut“, so viel sei gesagt. Glücklicherweise habe ich vorgeblättert, weil ich wissen wollte, ob die sich nun verlieben oder nicht, und endlich verstanden, dass es um einen rein symbolischen Golem geht.

Viel besser.

Der Golem nämlich steht für allerlei Symbole. Er ist ein Doppelgänger, er macht den Menschen zum Schöpfer und ist gleichzeitig sein Bild, er steht für die Unsterblichkeit (Athanasius ist übrigens der Unsterbliche), er steht für die Macht der Sprache, des Symbols schlechthin, das ihn lebendig werden lässt.
Es ist die Geschichte eines Traums, in welcher der Träumer auf seiner Identitätssuche im Prager Ghetto in einen Strudel aus Intrigen, Halluzinationen, Erleuchtungen und eine Faszination für die Kabbala und das Tarock hineingezogen wird. Er wird vom Golem heimgesucht, schlüpft in dessen Rolle und begegnet sich selbst in verschiedenen Formen und Geisteszuständen.

Fast noch spannender als das Aneinanderreihen mysteriöser und wirrer Geschehnisse, die das Alter Ego des Protagonisten ohne Namen durchträumt – oder doch durchlebt? – ist die atmosphärische Dichte. Von Beginn an mysteriös und düster zieht sie sich immer mehr zusammen, bis man nicht mehr weiß, was Wahnsinn oder Traum im Traum sind, was Symbolik und was tatsächliches (und doch geträumtes) Geschehen ist. Als Leser finde ich das unwiderstehlich.
Es geht tief ins jüdische Ghetto des 19. Jahrhunderts, das voller niederträchtiger Gestalten ist, die allesamt etwas im Schilde führen. Selbst ihre Häuser haben Gesichter, die nachts wilde Komplotte gegen die Menschen, die sie umgeben, schmieden. Doch fast alles sind Gedankenspiele, Vorahnungen und Verdächtigungen, die Entsetzlichkeiten spielen sich in den Köpfen der Figuren ab. Ebenso bleiben alle Geschichten und Geschehnisse, die sich um den Golem ranken, angedeutet, sind Legenden oder werden nur über Gerüchte weitergetragen, wodurch sich der mysteriöse und unheimliche Wert umso mehr erhöht.

Der Protagonist wacht schließlich auf, als er im Traum stirbt, und am Ende steht er sich selbst noch einmal gegenüber. Eine Runde Sache also für ihn. Für mich noch nicht, ich musste eine Weile verdauen. Es sei denn, er befindet sich auf einer weiteren Traumebene, auch das ist, wie alles in dieser Geschichte, unklar.

Ich weiß nicht, ob meine Beschreibung diesem Buch gerecht wird und möglichen Lesern eine Hilfe ist, weil ich selbst nicht sagen kann, ob ich das meiste begriffen habe, worauf es hinauswill. Aber ich kann eine affektive Meinung geben: Sprachlich und inhaltlich war es mir eine Perle.

Advertisements

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s