Bücher! Zauberberge!

Zeit für eine Bilanz.
Ich sitze noch immer am Zauberberg, aber es neigt sich dem Ende zu. Ulysses habe ich weggelegt, ich habe nach drei Vierteln kapituliert, nachdem es Monat um Monat dick, platt und zerfleddert herumlag und darin lesen nur bedeutet hätte, Buchstaben anzugucken und dabei tief, tief in eigene Gedanken zu versinken.
Auf dem Klo liegt EigenSinnige Frauen von Dieter Wunderlich. Ich möchte kein Buch degradieren, indem ich es als Klolektüre bezeichne, aber das Buch eignet sich bestens dazu. Hier gehts nicht um Spannung, sondern um leicht zugeführtes Wissen, das ebenso schnell wieder verschwindet, wie ein Klogang dauert. Das klingt jetzt doch schäbig, kann aber daran liegen, dass ich über Jeanne D’Arc und Maria Ward noch nicht hinaus bin, und an den zwei Damen zu viel Mittelalter, Papst, Frömmigkeit, Frauenrechtlosigkeit haftet, um mich besonders zu beeindrucken.
Aber es kann noch besser werden. Bei der Erzählweise hingegen bezweifle ich es. Die ist nicht so prickelnd, ein bisschen laienhaft, könnte man sagen, wenn man viel Wert darauf legt, so wie ich es tue. Muss aber nicht stören bei einem „romanhaften Sachbuch“. Ordentlich recherchiert ist es bestimmt.

Zurück zum Zauberberg. Irgendwo hatte ich ihn schon erwähnt. Der Schreibstil ist nach wie vor göttlich. Es ist mein erster Thomas Mann, wie man so schön sagt, aber ich hörte schon, dass er wohl mehr Spaß am Schreiben um des Schreibens willen hatte als am Fortlauf der Geschichte. In diesem Roman geht es um alle Riesenthemen unserer Welt: Um das Leben, um den Tod, um die Liebe, um die Politik, um die Krankheit, um die Kirche, um die Freimaurer, um die Frau, um die Tugend, um die Sünde, um die Philosophie …
Ich komme nur langsam weiter, da diese großen Themen in entsprechend große, manchmal schwer verständliche Worte und Phrasen verpackt sind, und selbst meine Freude an diesem plastischen Schreibstil täuscht mich nicht darüber hinweg, dass der Roman seine Längen hat. Aber erstaunlicherweise scheint dies das größte Thema von allen zu sein: die Philosophie der Zeit, ihre Dehnung, ihre Verzerrung, die Willkürlichkeit, mit der sie auf denen einen Menschen lang, auf den anderen kurz wirkt.
Die Figuren des Zauberbergs befinden sich auf demselbigen, der allerdings nicht so heißt, sondern eine Kuranstalt für Lungenkranke in den Bergen namens „Berghof“ ist. Das Leben dort ist komplett abgeschieden vom Treiben im Flachland, es herrscht eine unnatürliche Gelassenheit, die manchmal an Freizügigkeit grenzt, weil die Patienten ihr Kranksein als einen exklusiven Status betrachten. Erstaunlicherweise will kaum jemand weg von „Berghof“, doch eigentlich ist es gar nicht erstaunlich … Ich fühle mich immer wieder an die griechische Mythologie erinnert. War es Circe, die auf einer Insel lebte, umgeben von den schönsten Reichtümern, die die Natur hergibt, die Menschen auf diese Insel lockte, um sie in Schweine zu verwandeln? Vielleicht vermische ich da die Mythen, aber das wird in Romanen ja auch gern getan.

Ein höchst mystisches, mythisches, wortgewaltiges, themengewaltiges, meistens auch unterhaltsames Buch, das nach dem Lesen nach ein bisschen Sekundärliteratur verlangt. Damit ich weiß, dass es nicht nur um die Zeit und Circe ging.

Ulysses ist also weg vom Fenster. Ein bisschen Sekundärliteratur würde ich mir darüber auch reinziehen, aber den Text an sich – bitte nicht. Und da ich so einen weiten Leseweg bereits zurückgelegt hatte, werde ich von nun an behaupten, ich hätte es durchgelesen.

Irgendein Buch war da vielleicht noch … Aber ich komm nicht mehr drauf, welches es war.

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5 Kommentare

  1. „die Philosophie der Zeit, ihre Dehnung, ihre Verzerrung, die Willkürlichkeit, mit der sie auf denen einen Menschen lang, auf den anderen kurz wirkt.“ Dazu habe ich MOMO von Michael Ende gelesen. ;)

    Aber eigentlich sollte ich mir als Germanistik-Student auch den Zauberberg mal reinziehen…*chrmchrm*.

    Und ja, das war Circe, die Männer in Schweine verwandelt hat. ^^

    1. Oh Momo! Das will ich unbedingt nochmal lesen. Als erwachsene Person hat das Buch bestimmt eine ganz andere Wirkung als damals.

      Wenn dir die ersten hundert Seiten Spaß machen, so wie mir, kommst du locker durch die restlichen neunhundert. Aber wenn nicht … Dann wirds krampfhaft, schätze ich.

      1. Ja, das ist eigentlich bei allen Ende-Büchern so (die ich jetzt nochmals „erwachsen“ gelesen habe). Sie sprechen die Kinder durch ihren Phantasiereichtum und die Erwachsenen durch „tiefgründigere“ Themen an.
        Ausserdem schrieb Ende einfach tolle Geschichten. Punkt. :)

        Ich werd mir den Zauberberg vielleicht mal in der Bibliothek holen. In den nächsten Semesterferien oder so. ^^

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