Das Mädchen, seine Mutter und Großmutter

Neil Gaimans neuester Streich heißt The Ocean At The End Of The Lane und ist im Sommer letzten Jahres erschienen. Ich habe es mir sofort gekrallt, weil ich Neil Gaimans Arbeiten sehr schätze. Ich bin unschlüssig, ob mir der Kurzgeschichtenband Fragile Things (Zerbrechliche Dinge) oder der Roman American Gods am besten gefällt, aber ich denke, es sind die Fragile Things. American Gods war mein erstes Buch von Neil Gaiman und ich war begeistert, aber Fragile Things hat mir gezeigt, wie intensiv und vielschichtig phantastische Kurzgeschichten sein können. Jede einzelne Geschichte ist eine Perle und keine ähnelt der anderen. Neil Gaiman hat meinen Glauben in die Fantasy wieder bestärktFile:Ocean at the End of the Lane US Cover.jpg und er ist mir für mein eigenes Schreiben eines der größten Vorbilder.

Ich habe mittlerweile auch Anansi Boys, den Nachfolgeband von American Gods, gelesen, Coraline gesehen und mir außerdem The Graveyard Book und Stardust (Der Sternwanderer) als Hörbuch vorlesen lassen. Coraline und The Graveyard Book sind wunderbare Unterhaltung für alle Altersklassen, aber sprachlich und inhaltlich doch eher auf Kinder ausgerichtet. The Ocean at the End of the Lane hat keine Altersempfehlung, mein erster Eindruck (Cover, Klappentext, Leseprobe) war der eines „Erwachsenenmärchens“. Ich habe den Eindruck, dass Neil Gaiman selbst nicht so genau wusste, für wen er dieses Buch schreibt. Obwohl, er wusste genau, für wen er es schrieb. Irgendwo habe ich gelesen, dass es zuerst als Kurzgeschichte für seine Frau Amanda Palmer gedacht war, um sie von phantastischer Literatur zu überzeugen. (Hat selbst Neil Gaiman in seiner Partnerschaft mit Verständnis für Fantasy zu kämpfen?)

Drei magische Frauen

The Ocean at the End of the Lane beginnt mit einer Beerdigung. Ein junger Mann, der ohne Namen bleibt, reist in den Ort seiner Kindheit zurück und fällt nach der Zeremonie, auf einer Bank vor einem Teich sitzend, in einen Strudel aus Erinnerungen …
Die merkwürdige Geschichte gerät ins Rollen, als ein Mann das Auto des Vaters des Erzählers stiehlt und darin Selbstmord begeht. Durch dieses Ereignis gelangt ein übernatürliches Wesen in unsere Welt, das nichts Gutes im Sinn hat. Ihm fällt schnell auf, dass es Geld ist, was die Menschen am meisten begehren, und es beginnt an den ungewöhnlichsten Orten Münzen zu platzieren. Als der Erzähler, zu dem Zeitpunkt noch ein Kind, fast an einer solchen Münze erstickt, eilt er zu Lettie Hempstock, um sie um Hilfe zu bitten. Lettie, ihre Mutter und Großmutter leben im Nachbarhaus, doch sie sind keine gewöhlichen Leute, der Erzähler weiß, dass sie besondere Fähigkeiten haben. Nachdem Lettie den Jungen von der Münze in seinem Hals befreit hat, beschließt das Mädchen ihn mitzunehmen, um ein Ritual durchzuführen, das die Kreatur zurück in seine eigene Welt schicken soll.
Auf der Weite eines Feldes bannt Lettie die Kreatur, doch in einem Moment der Unachtsamkeit bohrt sich etwas in den Fuß des Jungen. Er zieht einen Wurm aus seiner Fußsohle, doch bleibt ein Stückchen davon darin stecken. Dieser Wurm, wie sich bald herausstellt, ist das übernatürliche Wesen, das beschlossen hat, dass es ihm in unserer Welt besser gefällt als in seiner eigenen …

Hin und her gerissen

Neil Gaiman übertrifft sich mal wieder selbst mit seinen abgefahrenen Ideen, bei denen man nie voraussehen kann, was als nächstes geschieht. Wie immer hat er wenig Scheu vor Gewalt oder nichtjugendfreien Szenen: Der Erzähler wird von seinem Vater fast in der Badewanne ertränkt und als das vermeintliche Kindermädchen diesen verführt, wird das explizit dargestellt. Doch da der Erzähler zu dem Zeitpunkt ein Kind ist, behält die Sprache ihren einfachen, teilweise kindlichen Tonfall, den Gaiman-Leser bereits aus anderen Romanen kennen. Mich hat der Tonfall allerdings irritiert, da er für meinen Geschmack etwas konträr zur Handlung verläuft und verharmlosend wirkt, wie es für ein „Erwachsenen“buch nicht nötig wäre. Andererseits ist The Ocean at the End of the Lane keinesfalls ein Kinderbuch. Deshalb mein Eindruck, dass der Autor nicht genau wusste, für wen er die Geschichte schreiben wollte. Hinzu kommt, dass dem Umfang nach, das Buch vielmehr eine Novelle als ein Roman ist. Die Schrift ist großzügig, das Papier dick bei einer Seitenzahl von weniger als zweihundert. Für einen Gaiman-Fan wie mich, der sich gern so lange wie möglich in seinen Welten aufhält, war es enttäuschend, nach wenigen Stunden Lektüre schon wieder draußen zu sein. Ich will Neil Gaiman nicht vorwerfen, dass er, hm, geschludert hat, aber den Ehrgeiz zu einem neuen Meisterwerk hatte er beim Schreiben dieses Buchs garantiert nicht.
Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen, aber sie hat mich nicht berührt, wie American Gods oder Fragile Things. Trotzdem würde ich das Buch jedem empfehlen und werde es bestimmt selbst irgendwann noch einmal in die Hand nehmen. Denn, wer weiß, manche Bücher entfalten erst beim zweiten Lesen ihre volle Wirkung.


Neil Gaiman. The Ocean at the End of the Lane.
HarperCollins Publishers, 2013.
Taschenbuch.

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6 Kommentare

  1. Ich kopier als Antwort einfach mal rein, was ich vor kurzem dazu gesagt hab:

    The Ocean at the End of the Lane war auf jeden Fall wieder richtig gut. Hatte, ähnlich wie American Gods, so eine melancholische Grundatmosphäre, die sich durch das ganze Buch zieht. Zwar ist es nicht zuletzt die Perspektive eines Kindes, die das Ganze ein wenig relativiert und einige ordentlich obskure Momente mit reinbringt, aber durch die „erwachsene“ Rahmenhandlung der Erinnerung überwiegt dann doch das Nostalgische. Ist letztendlich auch einfach ein Buch über die Kindheit, die eigene Entwicklung und (natürlich wieder) die Existenz als Ganzes. Vom Stil der Erzählung kann man es trotz allem eher mit Anansi Boys vergleichen, eine kleine, „normale“ Geschichte, kein dickes Epos. Die Beschreibungen sind wie zu erwarten extrem cool und fantasievoll und überhaupt; ich mochte vor allem die Idee des „Oceans“. Großartiges Bild. Die Figuren waren auch klasse. Den ganzen Mittelteil mit Ursula Monkton fand ich streckenweise etwas anstrengend und berechenbar, aber das Ende war dann wieder richtig toll.
    In dem Sinne: „You don’t pass or fail at being a person, my dear.“

    1. So ähnlich wie du habe ich mich nach dem Lesen auch gefühlt. Tolle weise Sprüche gabs wieder zuhauf, da habe ich meinen mentalen Hut mehrmals gezogen. Trotzdem hat mir die seelische Befriedigung gefehlt, die mich bisher nach jedem Gaiman erfüllt hat. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch angesetzt, aber ich meine mich zu erinnern, dass das Buch als „the next big thing“ angepriesen wurde, das hat mich natürlich enorm angefixt. Na ja, von seinem Thron ist der Gaiman mit dem Buch eh nicht gestürzt, also bleibt alles gut.

      1. Der Trick ist, wenn man sich für ein Buch interessiert grob auszuloten ob die Resonanz positiv oder eher geteilt ist und wenn man schon weiß, dass man ein Buch lesen möchte sich überhaupt nicht vorher darüber zu informieren. Also das notwendige Minimum an Vorinformation.
        Ich lese auch meistens die Beschreibung auf dem Buchrücken erst hinterher, damit ich nicht schon vorher beeinflusst werde, sondern das Buch frisch, unvoreingenommen und so lese wie der Autor das vorgesehen hat.

        Ich erinnere mich, dass ich mal einen Schnipsel von einer sehr spannenden Geschichte aufgeschnappt habe, der quasi das Ende verriet und das war relativ unschön, nicht nur dass ich es erfahren habe, sondern das Ende an sich, auch wenn es im Rahmen der Szenerie einen Sinn ergab, hätte von mir sein können. Die Frage war nur noch, wie kam es dazu.
        Hinterher stellte sich raus, das war eine Fehlinformation und das Ende war total anders. Es war trotzdem eine sehr spannende Geschichte. Stellt sich die Frage, wie ich sie aufgenommen hätte, wenn ich sie unvoreingenommen erlebt hätte.
        Bei Filmen halte ich das ähnlich. Wenn andere sich über einen Film unterhalten, den ich noch nicht gesehen habe, geh ich weg.

        Von Gaiman habe ich bislang nur Stardust gelesen und auch gesehen. Coraline kenne ich nur als Film, schönes Teil. Hat mich an Alma erinnert, ich glaube darüber haben wir schon mal gesprochen.
        Davon ab liegt American Gods noch auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher, aber so recht zum Lesen komme ich aktuell nicht so wirklich.

        Gaiman und Amanda Palmer, das ist ja ein Ding. Sind mir beide Bekannt, wusste nur nicht dass sie verheiratet sind. Ändert aber auch nicht wirklich was.

        Kurz noch zu deinem Fantasy Schmuddelkind Kommentar. Ist es wirklich wichtig was andere darüber denken? Mach doch was dir Spaß macht, solange du keinem damit schadest und du es mit deinem Gewissen vereinbarst. Oder treib es ganz auf die Spitze, werde neben Fantasy-Autorin auch noch Schlagersängerin und eröffne einen Sexshop. So ein paar verschiedene Standbeine schaden nicht, falls eins wegbricht.

        1. Ach Mensch, hier hatte ich doch schon vor Jahren geantwortet. Da hat das Internet wohl meinen Text gefressen.

          Tja, ich weiß nicht. Ich hab die Macke, dass ich immer ganz viel Infos sammeln will zu Büchern oder Filmen, bevor ich konsumiere. Das ist so seit es das Internet gibt. Oder Wikipedia. Ich fröne dieser Macke.
          Wenn ich mir am Computer einen Film reinziehe, hab ich immer die Wikipedia-Seite dazu offen. Ich mag es bei vielen Büchern tatsächlich auch, das Ende schon zu kennen, weil ich es ultraspannend finde, nachzuvollziehen, wie sich eine verschlungene Geschichte dahin entwickelt. Da spricht aber vielleicht die Geschichtenerfinderin aus mir.
          Dass ich mich von anderen Meinungen beeinflussen lasse, kann ich nicht umgehen. Die meisten Bücher und Filme lerne ich eben durch Mundpropaganda kennen. Aber da sich schon oft Diskrepanzen zwischen meinem Geschmack und dem der Masse (der Spiegel-Bestseller-Masse) aufgetan haben, sehe ich das locker und skeptisch. :)

          Zum Fantasy-Schmuddelkind: Na, und ob ich das mache, was mir Spaß macht. Wär ja noch schöner. Aber was das Schreiben angeht, lebe ich eine komische Ambivalenz. Das habe ich ja schon ausgeführt. Ich denke/hoffe, dass sich das erheblich bessern wird, wenn ich dann mein großes Werk fertig und irgendwo veröffentlicht habe. Aber solange ich vor mich hin schreibe und die Welt noch nix von mir zu lesen bekommen hat, komm ich mir als „Autorin“ ein bisschen heuchlerisch vor und tue mich schwer, meinen Standpunkt zu verteidigen.
          Aber klar, an den Sexshop habe ich auch schon gedacht. Nur Schlagersängerin ist ja seit neuestem unheimlicherweise salonfähig geworden, da fehlt wiederum die Provokation.

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