DIE MOLDAU IM SCHRANK

Nina Maria Marewski gewann 2012 den Seraph der Phantastischen Akademie für ihren Debütroman Die Moldau im Schrank. Das ist schon eine Weile her. Eine Weile ist es auch her, dass ich das Buch las, das durch einen glücklichen Zufall in meine Hände fiel. Ich hatte viel Gutes darüber gehört und auch der Verlagstext hatte mich furchtbar neugierig gemacht, deshalb war meine Freude groß, weil ich glaubte, endlich wieder eine phantastische Perle gefunden zu haben.

Die Moldau im Schrank

Quelle: bilgerverlag.ch

Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven. Die eine nimmt ihren Anfang in den Sechziger Jahren, als ein kleiner Junge namens Mitja Kruschenko seine Mutter sterben sieht. Ein grausiges Ereignis, das ihn schwer traumatisiert zurücklässt. Nun eine Waise wird Mitja Kruschenko in ein christliches Kinderheim gesteckt. Er bekommt den Vornamen „Markus“ aufgedrückt und findet Heilung für seine verletzte Seele im Christentum. Er wächst scheinbar sorglos auf, wird beruflich erfolgreich, bleibt aber immer ein Außenseiter, der keinen Menschen an sich heranlassen will. Tatsächlich aber ist er besessen davon, eine Seelenverwandte zu finden, die genau wie er, frei von der Sünde nach sexuellem Verlangen ist. Leider ist die Suche nicht so einfach und Markus sieht sich immer wieder gezwungen, Frauen, die sündig geworden sind, zu erlösen, indem er sie zu Engeln macht.

In einer anderen Welt lebt Helena Murnau mit Mann und Kindern ein zufriedenes, aber wenig aufregendes Leben. Hin und wieder von Zweifeln geplagt, ob das alles ist, was das Leben für sie bereit hält, ist sie doch dankbar für das, was sie hat. Bis sie eines Tages ihre Fähigkeit entdeckt, in andere Welten zu reisen. Auf ihren heimlichen Entdeckungstouren durch eine Parallelwelt begegnet Helena, die für alle unsichtbar bleibt, nicht nur ihrem alternativen Selbst, das sich als Künstlerin verwirklicht hat, sondern auch einem umwerfend gutaussehenden Mann, an den ihr paralleles Ich sein Herz verliert. Doch als Helena dahinter kommt, dass dieser Mann ein grauenhaftes Geheimnis hütet, versucht sie alles zu tun, um ihr anderes Ich zu beschützen. Tragischerweise ist es ihr als Grenzgängerin nicht erlaubt, in das Räderwerk des Schicksals einzugreifen.

Eine eindrucksvolle Idee, die viel tragisches Potential bietet, aber leider an der Umsetzung scheitert. Ich sehe der Autorin ihren hier und da holprigen, unausgereiften Schreibstil nach, auch dass sie manchmal nach Klischees greift oder zu gründlich in die Gefühlswelten ihrer Protagonisten taucht statt den Leser selbst fantasieren zu lassen, schließlich ist es ihr Debüt. Trotzdem habe ich schon andere Debüts gelesen, die mich stilistisch umgehauen haben, deshalb muss ich das als ästhetischen Mangel ankreiden. Schlimmer als die ästhetischen Mängel jedoch ist die Tendenz der Autorin sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten. Banale Telefongespräche zwischen Helena und ihrer besten Freundin, ausgiebiges Herausputzen vor den Dates mit Markus, krampfhafte Flachwitzeleien, die mir das Gefühl gaben, ich hätte mich in einen Chick-Lit-Roman verirrt. Aus irgendeinem Grund nehmen diese Passagen einen enormen Teil der Handlung ein, obwohl die Autorin die Seitenfüller gar nicht nötig hätte, da sie besonders zu Anfang des Buchs beweist, dass sie etwas von dichtem und atmosphärischem Schreiben versteht. Leider wurden mir Helena, ihr Parallel-Ich und Markus durch die Chick-Lit-Allüren ihrer ansonsten spannenden und zutiefst tragischen Geschichte versaut, sodass ich sie nicht mehr ganz ernst nehmen konnte. Daran konnte auch das überraschende Ende nichts ändern, das ich bei all der vorangegangenen Süßlichkeit nicht erwartet hatte. Obwohl ich ambivalente Enden durchaus schätze, empfand ich es hier geradezu unpassend, da die Stimmung, die Handlung und Schreibstil schaffen, dem tragischen Ende nicht gerecht werden.

Eine Perle der Phantastik habe ich in Der Moldau im Schrank leider nicht entdeckt, das hält mich aber nicht davon ab, woanders weiterzusuchen. Vielleicht bei den anderen Nominierten zum besten Debüt des Seraph 2012. Es muss ja nicht immer der Gewinner sein, der meinen Geschmack trifft.


Nina Maria Marewski. Die Moldau im Schrank.
bilgerverlag, 2011.
Gebunden. 26,00 €.

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