NACHTSONNE von Laura Newman: Meine erste selbstverlegte Lektüre

In einer alternativen Zukunft ist das Leben auf der Erde bedroht. Das Ende der Sonne naht und bevor sie erlischt, dehnt sie sich zu einem Roten Riesen aus, der mit seiner Strahlkraft die Temperaturen auf der Erdoberfläche rasend schnell in die Höhe treibt. Seit mehreren Generationen schon lebt ein kleiner Rest der Menschheit in einer ausgeklügelten unterirdischen Behausung, genannt HUB 1, und hat seitdem das Tageslicht nicht mehr gesehen.

https://i0.wp.com/ecx.images-amazon.com/images/I/51OiLAjRbTL.jpgNova ist ein junges Mädchen, dem das Leben vor der Evakuation etwas völlig Unbekanntes ist. Sie fühlt sich aufgehoben im HUB und ist überzeugt davon, dass diese Lebensform für sie und die restlichen fünftausend Menschen in der unterirdischen Siedlung die beste Lösung ist. Ihr behütetes und geordnetes Leben gerät aus den Fugen, als ihr Arbeitskollege Marzellus eine unglaubliche Entdeckung macht: Ein zufällig belauschtes Gespräch lässt vermuten, dass noch weitere HUBs existieren. Das bedeutet, dass die Menschen in HUB 1 möglicherweise nicht die einzigen Überlebenden auf der Erde sind.

Bevor Nova und ihre Freunde dem Gerücht nachgehen können, überschlagen sich die Ereignisse. Ihre heile Welt gerät aus den Fugen, als sie als Verräter vor Gericht gestellt und zu Tode verurteilt werden. In letzter Sekunde gelingt ihnen die Flucht, doch der einzige Weg, ihrer Hinrichtung zu entgehen, führt nach draußen – ins Feuerland.

Wie kam ich zu diesem Buch?

FLUCHT INS FEUERLAND ist der erste Teil der fast abgeschlossenen NACHTSONNE-Chroniken von Laura Newman. Die Bremer Autorin hatte ihr Debüt mit dem Zweiteiler TIME TRAVEL INC., der sich um das Zeitreisen dreht. Für mich war FLUCHT INS FEUERLAND sowohl der erste Roman von Laura Newman als auch der erste einer selbst verlegenden Autorin. Was war ich gespannt!

Über eine YouTube-Buchrezension stolperte ich über das Debüt der Autorin und war gleich angetan von ihrer Art, wie sie ihre Bücher vermarktete. Sie ist gelernte Mediengestalterin und weiß ihr Handwerk zu nutzen. Vom Cover bis zur Autorenhomepage zieht sie in puncto Design die Bewerbung ihrer Bücher professionell und ansprechend auf. Ich gebe zu, ich lasse mich von Äußerlichkeiten – zumindest was selbstverlegte Bücher angeht – schnell locken, oder andersherum gesagt: Ich bin ein ästhetisch pingeliger Mensch und habe kein Erbarmen mit geschmackloser Buchgestaltung. Wie dem auch sei: Ich erwählte FLUCHT INS FEUERLAND als mein Selfpublisher-Testbuch.

Eine reizvolle Idee, die an der Umsetzung scheitert

Das Thema, das NACHTSONNE zugrunde liegt, eine Sonne, die langsam die Erde verbrennt, hat unheimliches Potential für eine rasante dystopische Geschichte. Zu einer repressiven Sozialstruktur, unter der die Protagonisten leiden, gesellt sich eine Naturkatastrophe, vor der es kein Entrinnen gibt. Die Flucht ins Feuerland geschieht also nicht nur vor dem Todesurteil, sondern bedeutet vor allem einen Wettlauf gegen die Zeit.

Ungewöhnlicherweise, aber durchaus passend für actiongeladene Science-Fiction mit einem Schuss Gefühl, erzählt die Protagonistin Nova ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive und im Präsens. Von der ersten Seite an ist man in der Geschichte drin, Informationen gibt es häppchenweise und wenn sie gerade relevant sind. Allerdings hat sich die Autorin mit diesem Stilmittel selbst Steine in den Weg gelegt. Die Art der Erzählperspektive ist alles andere als einfach und verlangt größte Aufmerksamkeit und ein paar erzählerische Kniffe, damit die Geschichte nicht Gefahr läuft, zur Berichterstattung zu werden.

Eine Welt ohne Sinnlichkeit

Das nämlich ist das Problem. Es mangelt am szenischen Erzählen. Es mangelt so stark daran, dass ich behaupten würde, es ist gar nicht vorhanden. Nova, die Erzählerin, erklärt nicht nur ihre Welt, sie erklärt auch ihre eigenen Gefühle, die ihrer Freunde und macht Prognosen zu deren Gedanken. Statt die Figuren und die Geschehnisse durch Handlung für sich selbst sprechen zu lassen, nimmt die Erzählstimme dem Leser alle Möglichkeiten, die eigene Vorstellungskraft einzusetzen.

Dazu kommt, dass wir kaum etwas zu Äußerlichkeiten erfahren. Am Ende des Buchs hatte ich kaum eine Vorstellung vom Aussehen der Figuren und von der Atmosphäre in den HUBs oder im Feuerland. Ich habe weder den Staub des Feuerlands gerochen, noch unter dem künstlichen Licht in HUB 1 gefroren, habe keine Erschöpfung und keinen Schmerz verspürt, nicht das Aroma des gefilterten Wassers oder das eines mehligen Apfels geschmeckt; mir fehlten Numes brennende Tränen um Mailo und Novas Herzklopfen für Joaquim. Wo war die unerträgliche Hitze der riesigen blendenden Sonne, die mich in die Knie zwang und mir die Luft abschnürte? Nichts davon durfte ich erleben. Wie schade, wie unbefriedigend.

Zukunft als Autorin?

Wenn es schon am Wesentlichen hapert, darf man davon ausgehen, dass weitere erzählerische Schwächen, wie blasse eindimensionale Charaktere, ein flacher Spannungsbogen und eine vorhersehbare Handlung, nicht weit sind. Es ist schade um die Idee und um den Aufwand, der betrieben wird, um die Bücher bekannt zu machen. Was die NACHTSONNE-Bücher brauchen, ist eine Rundumerneuerung, eine komplett überarbeitete Fassung.

Bevor Laura Newman also ihre nächste Trilogie veröffentlicht – sie schreibt nämlich recht schnell, wäre ihr geraten, sich zunächst mit dem Schreibhandwerk auseinanderzusetzen, also eine mit literarischen Texten erfahrene Lektorin heranzuziehen und ein paar Creative-Writing-Ratgeber zu wälzen. Ich bin sicher, dass Laura Newman mit etwas mehr Hintergrundwissen zu Regeln und Kniffen des Schreibens, in der Lage wäre, solide unterhaltsame Geschichten zu schreiben. Sonst bleiben ihre Bücher Eintagsfliegen, deren schicke Cover zwar eine erste Schar Leser anziehen, aber inhaltlich schnell vergessen sind.


Laura Newman. Nachtsonne – Flucht ins Feuerland.
Amazon Media EU, 2014.
eBook. 2,99 €.

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3 Kommentare

  1. Das nenne ich mal einen irreführenden Titel. Stelle dir folgenden Gedankengang vor:
    „Wie ihre erste selbstverlegte Lektüre? Pseudonym? Wohl kaum, davon ab hätte sie das zweite Eisen im Feuer ja mal erwähnt. Häh?
    Ahhh, sie arbeitet jetzt in einem Verlag! Cool!“

    Einen halben Blogeintrag später war ich schlauer.

    Dystopien habe ich ja schon vor einer ganzen Weile für mich entdeckt und bin da immer für eine Empfehlung offen.
    Bei deiner Kritik kam mir Anton Chekhovs Zitat in den Sinn: „Don’t tell me the moon is shining; show me the glint of light on broken glass.”

    Bin schon gespannt, was dir als nächstes vor die Flinte läuft.

    1. Jaha, mit dem Titel habe ich mich rumgeschlagen! Ich bin, glaube ich, kein Titelmeister. Wenn dir spontan ein besserer einfällt, der Titel des Buchs, Namen der Autorin und die Info enthält, dass dies der erste selbstverlegte Roman ist, den ich gelesen habe, dann her damit.

      Dein Tschechow-Zitat (ich schreibe den so) ist zauberhaft.

      Mit dystopischen Empfehlungen kann ich leider noch nicht dienen. Wie siehts bei dir aus? Ich kenne nur ein paar der Klassiker: 1984, Brave New World, A Clockwork Orange. Hast du was von den Jugend-Dystopien gelesen? Vielleicht sollte ich mich doch an Die Tribute von Panem wagen, die FIlme mochte ich bisher.

      1. Hmm. Wie wärs mit „Laura Newmans selbstverlegtes Werk Nachtsonne. Mein erster Schritt in die Welt außerhalb der großen Verlage“. Gibt dem ganzen einen Hauch von Abenteuer. Die unbekannte neue Welt, das Erforschen einer gefährlichen Wildnis.
        Alternativ funktioniert auch immer das gute alte „Ich lesen Buch!“

        Das andere ist eben die englische Schreibweise. Ich kannte den Herren bis vor kurzem gar nicht. Doch ein anderes seiner Zitate wurde mir in einem Filmkurs, einer bereits wortreich beworbenen Seite, vor die Nase gehalten, sodass ich genauer nachforschen musste und dann auf das oben Zitierte gestoßen bin.

        Das mit der Flinte war gar nicht auf Dystopien reduziert.
        Die Hunger Games habe ich gelesen, und das ziemlich schnell, weit bevor die Filme mir unter die Augen kamen. Genauer gesagt kenne ich bislang nur den ersten. Sehr unterhaltsam. Interessant fand ich, dass ich Katniss etwas gespalten sah. Zum einen fand ich ihre Darstellung in den „ruhigen“ Phasen toll, zum anderen ging sie mir dabei mit der Zeit aber auch ein wenig auf die Nerven.
        Ich möchte das jetzt nicht zu detailliert aufdröseln, sonst verrate ich noch zu viel. Sag einfach Bescheid, wenn du diskussionsbereit bist.

        Ein anderes Buch das ich einfach nur toll finde ist „I am Legend“ von Richard Matheson. Wenn du den Film gesehen hast, dann lass dich davon nicht abschrecken, denn die Gemeinsamkeit ist marginal. Komplett andere Geschichte. Besonders das Ende ist großartig, das hätte dem Film echt gut getan.

        Die nächste Dystopie die mir in den Sinn kommt ist Cormac McCarthys „The Road“. Mit dem von mehreren Seiten gelobten „No Country for Old Men“ habe ich mich noch schwer getan. Womöglich liegt das auch an der gewöhnungsbedürftigen Form. Bei The Road wusste ich dann, was auf mich zukommt. Es ist nicht die actiongeladene Geschichte, aber ich habe auch eine Schwäche für Reisen und habe kein Problem mit einem langsamen Tempo, sofern es irgendwie voran geht. Ich nehme an bei nächster Gelegenheit widerspreche ich mir da selbst. Wie auch immer, trotz Form, hat es mich gut unterhalten. Dieses Alles-kaputt-sieh-zu-wie-du-damit-zurechtkommst-Szenario spricht mich warum auch immer an. Sieht bei Filmen genauso aus. Oder auch das Spiel „The Last of Us“, auch wenn ich es selbst nicht spiele, hat eine gewisse Faszination. Da ist mir erst die Grafik in frühen Phasen der Entwicklung entgegen gesprungen und dann kam die Story dazu.

        Davon ab liegt „The Postman“ noch ungelesen im Regal und mehr fällt mir jetzt nicht ein, ohne mein Bücherregal zu konsultieren. Reicht ja auch fürs Erste und Zweite.

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