TOCHTER DER ASCHE: Eine Phoenix in Hamburg

Vor wenigen Wochen, im Oktober, wurden die Gewinner des diesjährigen Deutschen Phantastik Preises bekannt gegeben. Das Buch, das in der Kategorie Bester deutscher Roman gewonnen hat, ist PHOENIX – TOCHTER DER ASCHE von Ann-Kathrin Karschnick. Dank einer wundervollen Wanderbuch-Aktion in einem wundervollen Schreibforum durfte ich den Roman, der bereits im Oktober letzten Jahres erschienen ist, lesen. Die Autorin beschreibt ihren Romans selbst als „Teslapunk-Dystopie-Krimi mit romantischen Ansätzen“ (Quelle: Feathergames) und diese knappste aller Genre-Bezeichnungen trifft es auf den Punkt.

Mythologische Wesen in einer alternativen Zukunft

Ann-Kathrin Karschnick greift das alte Motiv des mythologischen Vogels auf, der an seinem Lebensende in Flammen aufgeht und aus seiner eigenen Asche wieder aufersteht. In PHOENIX – TOCHTER DER ASCHE treffen wir auf ein solches Wesen in Menschengestalt: Claudia Octavia, genannt Tavi.

Tavi lebt in Hamhttps://i1.wp.com/s3-eu-west-1.amazonaws.com/cover.allsize.lovelybooks.de/Phoenix---Tochter-der-Asche-9783944544052_xxl.jpgburg im Jahre 2033, doch die Stadt hat mit ihrem realen Ebenbild kaum noch etwas gemein. Ann-Kathrin Karschnick entwirft eine düstere Zukunftsvision, die von einer alternativen Geschichte ausgeht, in der sich Wissenschaft und Technik nach Erkenntnissen von Nikola Tesla weiterentwickelt haben. Das Deutschland, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr. Europa ist ein riesiges Reich unter der Regierung und dem Schutz der Saiwalo, mächtigen Geistwesen, die die Bevölkerung gegen die sogenannten „Seelenlosen“ aufhetzen. Als Phoenix ist Tavi in den Augen der Saiwalo eine Seelenlose und fristet ein Dasein auf ständiger Flucht und in Angst, dass ihre Identität aufgedeckt werden könnte.
Bisher ist es Tavi und ihrem Ziehsohn Nathan gelungen, sich durchzuschlagen, ohne der Kontinentalarmee – den Schergen der Saiwalo – aufzufallen, doch ihr verdecktes Leben gerät in Gefahr, als ein Serienkiller in der Stadt auftaucht, der allem Anschein nach ein Phoenix sein muss.

Die lichten und die dunklen Seiten der Phoenix

Ein Phoenix in Menschengestalt? Das ist etwas Neues! Die Gaben, die Ann-Kathrin Karschnick ihrer Phoenix in den Schoß legt, unterscheiden sich zugegebenermaßen nicht von denen anderer übernatürlicher Wesen mit Schwingen und Superkräften. Die Idee aber, wie Tavi zur Phoenix wurde, ist originell und bringt genau den Schuss Tragik in ihre Geschichte, den ein Wesen mit turbulenter Vergangenheit braucht. Der Vogel Phoenix wird wiedergeboren, indem er in Flammen aufgeht, und so ähnlich geschah es auch mit Tavi, als sie zur Phoenix wurde. Sie kam als Mensch zur Welt und es war die Konsequenz eines schrecklichen Ereignisses, die sie in ein unsterbliches Feuerwesen verwandelte.

Tavi sieht aus wie Ende zwanzig, tatsächlich ist sie aber über 2000 Jahre alt. Ein so „alter“ Protagonist ist keine einfache Sache – weder zu schreiben noch zu lesen. Die Gefahr ist groß, dass der Leser wegen des gehörigen Altersunterschieds keine emotionale Verbindung zum Protagonisten aufbauen kann, oder andersherum, dass der Protagonist für sein hohes Alter unrealistisch gezeichnet wird. Genau das ist leider bei Tavi der Fall. Bei einem Wesen ihres Alters erwarte ich etwas mehr Gelassenheit und Distanz zu den „weltlichen Dingen“, vor allem in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Dass eine zweitausendjährige Phoenix mit dem gleichen Gefühlschaos auf Verliebtheit reagiert wie ein Mensch, der nur einen Bruchteil ihrer Lebenserfahrung hat, ist mir nicht durchdacht genug.

Die Liebesgeschichte zwischen Tavi und Leon, einem Mitglied der Kontinentalarmee, ist in meinen Augen auch der schwächste Teil des Romans. Sie nimmt viel Raum in der Geschichte ein, weil sie mehrere Ebenen für herrliches Drama bietet: Nicht nur sind Tavi und Leon ideologische Feinde, auch ihre persönlichen Vergangenheiten machen eine Annäherung nahezu unmöglich. Es ist ordentlich Zündstoff da, um Tavi und Leon ein ums andere Mal aneinandergeraten zu lassen – vielleicht etwas zu viel. Die Anziehungskraft, die Tavi und Leon zusammenbringt, ist nicht ganz nachvollziehbar, und sie vor allem auf Körperlichkeiten und sinnliche Faszination füreinander zu schieben, erscheint mir zu wenig vor dem Hintergrund, dass sie zunächst Feinde sind. Verstärkt wird dieser Eindruck durch hölzerne Dialoge und abgedroschene Phrasen, die den Figuren die Chance nehmen, originelle Persönlichkeiten zu sein. Es fiel mir schwer, Sympathie für die Figuren zu entwickeln. Besonders mit den Nebendarstellern, die leider wie Statisten in Tavis und Leons Geschichte wirken, hatte ich Mühe warm zu werden.

Eine Frau der Action

Ann-Kathrin Karschnick ist in meinen Augen eher eine Frau der Action, und das aber mit gehörigem Talent. Die Handlung von TOCHTER DER ASCHE rast von einem spannungsgeladenen Ereignis zum nächsten, es wird geschossen, in die Luft gejagt, gekämpft, geflüchtet und verfolgt, was das Zeug hält – Langeweile kommt bei der Lektüre sicherlich nicht auf. Ohne sich mit gemütlichen Erklärungen aufzuhalten, schickt die Autorin ihre Leser gleich zu Anfang auf eine wilde Verfolgungsjagd, die nach und nach Bilder und Schnipsel an Informationen über die Welt liefert, in der sie sich befinden. Obwohl die Fakten und Hintergründe zu dem dystopischen Hamburg, das Ann-Kathrin Karschnick geschaffen hat, eine Menge sind, hält sie den Lesern nur gut verdauliche Häppchen davon hin.

Wer tief in der eigenen erdachten Welt steckt, will am liebsten jedes Detail mit den Lesern teilen, und es ist schwer, sich nicht in langatmigen Erklärungen oder plumpem Infodump zu verlieren. Ann-Kathrin Karschnick meistert diese Hürde mühelos, ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, den Überblick zu verlieren oder von Informationen überschwemmt zu werden. Schön ist auch, dass nach jedem gefundenen Puzzleteil über die Saiwalo, die Seelenlosen oder Leons Vergangenheit ein neues Geheimnis um die Ecke kommt, das gelöst werden will.

PHOENIX – TOCHTER DER ASCHE endet mit einem schönen Cliffhanger, der seinem Namen gerecht wird. Eine unvorhergesehene Wendung, die aber nicht aus der Luft gegriffen wirkt, und neugierig auf das nächste Buch macht, ohne den ersten Teil um einen runden Abschluss zu bringen.

In mancherlei Hinsicht verbesserungswürdig, was Dialoge, Figurentiefe und zwischenmenschliche Beziehungen angeht, zum großen Teil aber ein spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen in einer detailreichen durchdachten Welt, die für die Nachfolgebände noch reichlich Stoff für eine packende Geschichte bereit hält.


Ann-Kathrin Karschnick. Phoenix – Tochter der Asche.
Papierverzierer Verlag, 2013.
Klappenbroschur. 14,95 €.

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3 Kommentare

  1. Ist ja auch ein lustiger Zufall. Ich hab auf einer Mini-Convention in Kiel ganz nett mit der Autorin geplaudert, weil kaum Interessenten für Rollenspielrunden ODER Bücher da waren … ^^ Die Tesla-Punk-Idee fand ich auch ganz cool, aber zum Lesen hat es dann doch nicht gereicht. Den Papierverziererverlag würde ich aber alleine schon wegen, nun ja, den Verzierungen der Bücher unterstützen. :D

    1. Ach was! Das ist in der Tat ein schöner Zufall!
      Aber dann auch wieder nicht so zufällig, wenn man bedenkt, in welch kleiner Szene wir uns bewegen. :) Heißt das also, du hast das Buch gesehen? Mit der Feder auf dem Buchschnitt? Andere Verzierungen kenne ich (noch) nicht, aber die hat mich ziemlich überzeugt, ja.

      1. Ja, total cool. Die packen halt gern so kleine Twists in ihre Bücher. Ich kenn den Verlag auch nur, weil er wie diverse andere (kleinere) gern mal auf Rollenspielconventions aufschlägt.

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