Eitle Zauberer, furchtsame Feuerdämonen und toughe alte Damen

Was ist das Einzigartige an HOWL’S MOVING CASTLE? Es ist so schmal und enthält dabei so viel! Für mich ist es ein perfektes Buch. Perfekte Bücher lösen auf jeder Seite ein Gefühl der Befriedigung und des Glücks aus. Sie fühlen sich an als seien sie für mich persönlich geschrieben worden, weil sie die exakte Rezeptur dessen enthalten, nach dem mein Leserherz hungert. Kennt noch jemand ein perfektes Buch?

Sophie Hatters Abenteuer

Sophie Hatter ist eine junge Hutmacherin und die älteste von drei Schwestern. Als ihre Stiefmutter beschließt, dass die Mädchen alt genug sind, ein eigenes Handwerk zu erlernen, schickt sie die beiden jüngeren fort, Lehrlinge bei einer Zauberin und einem Bäckermeister zu werden. Nur Sophie bleibt dem Geschäft der Familie erhalten, weil sie ein besonderes Talent für Hüte besitzt. Durch eine dumme Verwechslung zieht sie einen Fluch der Hexe der Wüste auf sich und wird in eine alte Frau verwandelt. Zu dieser Zeit lagert außerhalb ihres Städtchens der berüchtigte Zauberer Howl in seinem wandelnden Haus, dem nachgesagt wird, dass er die Herzen junger Frauen verspeise. Sophie nimmt all ihren Mut zusammen und beschließt, Howl aufzusuchen, in der Hoffnung, dass er in der Lage ist, ihren Fluch zu brechen.

Die alltäglichen Schwierigkeiten mit Zauberern und Dämonen

Die Abenteuer der Sophie Hatter in Howl’s „wandelndem Schloss“ lassen sich wie eine vergnügte verrückte Geschichte für Kinder lesen, aber wer nur ein bisschen genauer hinschaut, wird allerlei psychologische Andeutungen, clevere Wortspiele und Anspielungen auf große literarische Werke entdecken. All das kommt mit einem Augenzwinkern ganz selbstverständlich und frei von Eitelkeit daher.

BesondeDiana Wynne Jones Howl's Moving Castlers auffallend sind die Märchensymboliken und -motive, die Diana Wynne Jones in ihrer Geschichte verarbeitet. Im Land Ingari gelten die magischen Regeln, die uns aus klassischen Märchen vertraut sind. Allen voran Sophies Resignation, dass ihr als älteste von drei Schwestern kein aufregendes Leben bestimmt ist. Dass sie diese Tatsache ziemlich schnell widerlegt, ist nur eine von zahlreichen Spielereien mit Märchenmotiven.

Die Handlung spielt sich hauptsächlich in Howl’s „wandelndem Schloss“ ab, ein wackeliges Gebäude, das sich auf Beinen fortbewegt. Ermöglicht wird dies durch den Feuerdämon Calcifer, der im Kamin des Schlosses vor sich hinbrennt und die Bewohner des Schlosses mit seiner Launenhaftigkeit unterhält. Dabei ist er seinem Herrn, dem Zauberer Howl, gar nicht unähnlich. Die resolute Sophie, die sich im Schloss als Haushälterin selbst eingestellt hat, ist nicht selten damit beschäftigt, die Beiden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Howl ist großmäulig, von sich selbst eingenommen und furchtbar eitel, wenn es um sein Aussehen geht. Dann wieder versinkt er in Selbstmitleid und drückt sich vor seinen Pflichten, wie z.B. die Hexe der Wüste zu besiegen. Erst nach und nach erkennt Sophie, dass er auch tapfer und sehr gerissen sein kann, wenn es darauf ankommt. Howl und Calcifer, Sophie und ihre Schwestern, selbst die Stiefmutter sind nicht nur das, was sie im ersten Augenblick verkörpern. Diana Wynne Jones gelingt es mühelos, bezaubernde Figuren mit Fehlern und Schrullen und einzigartigen Talenten zu erschaffen, die bis zum Schluss für eine Überraschung gut sind.

Die Verfilmung

Viele kennen HOWL’S MOVING CASTLE oder SOPHIE IM SCHLOSS DES ZAUBERERS, wie der Roman im Deutschen heißt, als Anime-Kinofilm unter dem Namen DAS WANDELNDE SCHLOSS von dem herausragenden japanischen Regisseur Hayao Miyazaki. Die Romanvorlage der englischen Autorin Diana Wynne Jones erschien schon 1986. Ich kannte erst den Film, bevor ich wusste, dass er von einem Buch inspiriert ist. Auch wenn die britische und die japanische Kultur unterschiedlicher nicht sein könnten, glaube ich, dass Miyazaki und Wynne Jones eine besondere Chemie verband. Der Film ist sehr anime-typisch und schlägt einen ganz anderen Ton an als das Buch, was sich vor allem auf der Humorebene bemerkbar macht. Doch die Figuren orientieren sich in meinen Augen sehr genau am Original.

 

Es gibt zwei weitere Bücher aus dem „Howl-Universum“. Auch die werde ich mir nicht entgehen lassen:

CASTLE IN THE AIR (deutsch: ZIEMLICH VIELE PRINZESSINNEN)

HOUSE OF MANY WAYS (deutsch: noch nicht übersetzt)


Diana Wynne Jones. Howl’s Moving Castle.
HarperCollins Publishers, 2004.

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6 Kommentare

    1. Woher soll ich wissen, ob ich das perfekte Buch schon gelesen habe, wenn ich all die anderen nicht kenne? Außerdem sehe ich das übernächste Woche womöglich doch wieder anders. Ich kann dir lediglich aufzählen, welche Bücher ich mag, aber perfekt sind die sicher nicht. Wobei, wie will man das genau definieren. Ich fordere vehement mehr ausgereifte Parameter.

      Bei der verrückten Kindergeschichte kam mir Neil Gaimans Stardust in den Sinn, perfekt ist das Buch aber auch nicht, gehört nicht mal zu meinen Favoriten. Ist dennoch durchaus lesenswert.

      1. Aaah, so darfst du natürlich nicht an die Sache herangehen. Ich bin sicher, auch du hast schon mal ein Buch gelesen, das dir Gänsehaut beschert hat, weil du das Gefühl hattest, da hat jemand genau die Geschichte geschrieben, die du schon immer lesen wolltest, oder da spricht jemand genau die Dinge an, die dich im Innersten bewegen. Nicht? Vielleicht bin ich da anders, oder ein Glückskind. :)
        Die wissenschaftliche Suche nach dem “perfekten Buch” ist doch so langweilig wie unmöglich. Die rein subjektiv perfekten Bücher sind viel besser.

        STARDUST kenne ich nur als Film und den mag ich sehr. Nicht zuletzt wegen der grandiosen Besetzung. Es ist seltsam: Die Geschichte ist total einfach und klassisch und trotzdem könnte ich mir den Film immer wieder ansehen, ohne dass er langweilig wird, weil er so viel Charme versprüht.

        1. Stardust der Film ist auch sehr gelungen, märchenhaft.

          Okay, ich habe mich jetzt vor mein Bücherregal gestellt und überlegt, wenn ich denn drei bereits gelesene Bücher auf der Stelle sofort und gleich lesen müsste, bevor ich ein ungelesenes anfassen dürfte, welche wären dass den. Die Auswahl ging mir auffallend leicht von der Hand, auch wenn ich sie mengenmäßig locker in die Länge hätte ziehen können war es kein Problem mich auf drei festzulegen:

          Guards, Guards – Terry Pratchett
          Das Buch wurde mir damals von Max, vielleicht erinnerst du dich an ihn, empfohlen. Er hatte recht, es war der perfekte Einstieg in die Discworld Serie und noch heute ist es wohl mein Lieblingsbuch daraus. Auch wenn ich schon seit längerer Zeit kein Pratchett mehr angerührt habe ist es mit großem Abstand der Autor von dem ich am meisten gelesen habe. Aus der Serie sollten das knapp 30 sein.
          Ein Krimi im Gewand einer Komödie, schwungvoll und voller Wortspiele. Man findet schnell rein und kommt dann nicht mehr raus. Ich mag den britischen Humor einfach.

          I Am Legend – Richard Matheson
          Ich lese nicht wirklich Vampirgeschichten, beziehungsweise ist das Attribut als solches kein Auswahlkriterium. Wie ich nun an dieses Buch gekommen bin, ich weiß es nicht mehr, aber es war ein verdammt guter Griff. Wenn du den Film kennst, dann brauch dich das nicht groß beeinflussen, denn was dort aus dem Plot gemacht wurde ist weit, ganz weit entfernt von dem Buch. Das Buch erzählt die Geschichte eines einsamen Helden, nur erzählt es das im Kern anders als du es vermutlich kennen magst.
          Das Ende ist schlicht großartig.
          Insofern ist es eigentlich verwunderlich, dass es bislang das einzige Werk von Matheson ist, dass ich mir zu Gemüte geführt habe. Ich bin für Empfehlungen offen.

          City of Thieves – David Benioff
          Dramatik und Komik geben sich in diesem Buch die Klinke in die Hand. Sowas liebe ich, wenn es nicht durchweg komisch ist und man auf den nächsten Gag wartet, sondern von diesem überrascht wird. Grausames Setting, voller Wendungen die ich nicht kommen sah. Absurdität, sowohl in der Komik, als auch in angesprochener Grausamkeit. Super spannend, witzig, mitreißend.
          Gegen Ende habe ich geschimpft und den Autor verflucht. Objektiv gesehen hat er es genau richtig gemacht und in Bezug auf den einen Aspekt passt das wie die Faust aufs Auge. Aber wer ist zu dem Zeitpunkt noch objektiv? Trotzdem oder gerade deswegen genial. Einfach ein richtig tolles Buch.

          Noch Fragen? Eigentlich solltest du jetzt einigermaßen wunschlos glücklich sein.

          1. Ich bin wunschlos glücklich! Das hast du sehr gut gemacht.

            CITY OF THIEVES bzw. die Übersetzung STADT DER DIEBE habe ich auch gelesen und dabei sehr ähnlich empfunden wie du. Von I AM LEGEND wusste ich nicht, dass es eine Romanvorlage hat. Ich habe den Film nicht gesehen, irgendwie sprach er mich nicht an und ich habe selten Lust auf Will Smith. Ich behalte das mal im Auge.

            Ach, die gute alte Scheibenwelt habe ich schon seit Jahren nicht mehr besucht. Ich habe vier, fünf Bücher gelesen und bin ein großer Fan, aber ich habs nicht so mit Buchreihen. Es gibt zu viele unentdeckte Juwelen, da will ich meine kleine Lesezeit nicht ständig in Welten verbringen, die ich schon kenne. Mein erster Scheibenwelt-Roman war … ich vergesse immer den Titel. Moment. Google: DER ZEITDIEB. Mir sind damals die Augen übergegangen vor so viel raffinierter Paradoxie. Ich war 13 oder so und erinnere mich genau daran, wie ich das merkwürdige bunte Buch in unserer winzigen Schulbibliothek entdeckte. Ach ja, vielleicht sollte ich es doch noch einmal mit der Scheibenwelt aufnehmen. Es war schon immer unvergleichlich unterhaltsam dort. GUARDS, GUARDS kenne ich zum Beispiel noch nicht.

  1. Die (zahlreichen) anderen Bücher von Diana Wynne Jones sind übrigens auch einen Blick wert :-) Neben der bekannten Chrestomanci-Reihe gibt es mehrere Titel, die für etwas ältere Leser gedacht sind. Leider und unverständlicherweise wurden viele nicht übersetzt.

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