Cover-Rant!

Mechthild Gläser Stadt aus Trug und SchattenMechthild Gläser Nacht aus Rauch und Nebel

Dieser Beitrag fing an als Buchvorstellung, der das Thema Cover nur am Rande behandeln sollte. Es hat sich aber so in den Vordergrund gedrängt, dass dies ein Monster-Beitrag geworden wäre, hätte ich die Buchvorstellung noch daran gehängt. Also geht es hier ausschließlich um eines meiner Lieblingsthemen: Die Ästhethik des Buchcovers – und wie ich von ihrem Fehlen manchmal brechen muss – am Beispiel eines frisch erschienenen Romans.

Da links oben. Ist das nicht ein fantastisches Cover? Ein blütenweißes Buch von vorne bis hinten mit einem eingravierten Titelbild in tiefrosa Tinte, das an einen kunstvollen Linolschnitt erinnert. Aufgeschlagen blendet das gleiche intensive Pink als wolle es mit seiner Farbpracht den Buchtitel Lügen strafen: STADT AUS TRUG UND SCHATTEN ist Mechthild Gläsers Debütroman, der 2012 im Loewe Verlag erschien, und von einer grauen Traumstadt namens Eisenheim erzählt. Und daneben das Cover des zweiten Teils der Dilogie, das den ebenso schmucken Kontrast zum ersten bildet.

Mittlerweile ist Mechthild Gläsers dritter Roman erschienen, DIE BUCHSPRINGER. Abermals eine Jugend-Urban-Fantasy und eine junge Protagonistin mit einer besonderen Gabe: Sie ist Teil einer Familie, die die magische Fähigkeit besitzt, in die Welten von Geschichten zu springen, um dort Einfluss zu nehmen.
Das Cover der BUCHSPRINGER allerdings … nun ja. Es hat mich, gelinde gesagt, entsetzt. Es wirkt wie die zusammengestückelte Collage eines Schulkindes ohne Sinn für die Atmosphäre von Farben. Das Mechthild Gläser Die Buchspringerkönnte allenthalben als lustiges Kinderbuch oder Chick-Lit durchgehen, aber ein Fantasyroman über das Heiligste des Fantasylesers will kein rosa Pappbuch auf dem Cover. Wie Schablonen wirken die Bilder von Büchern und Figuren, flach, charakterlos und so offensichtlich digital erstellt, dass auch hier an jedem Gefühl für Atmosphäre vorbeigearbeitet wurde. Die Schriften von Autorin und Titel passen nicht zueinander. (Ist das Times New Roman?) Wo sie in der Eisenheim-Dilogie noch wunderbar in das Coverbild eingefügt waren, klebt die Schrift jetzt lieblos am oberen Rand. Es ist die große Kunst des Designers, Autorenname, Titel und Bild eines Buchcovers in einer ästhetischen Einheit zusammenzubringen. Aber dafür engagiert ein großer Verlag wie Loewe doch talentierte Künstler! Um den Titel an den oberen Rand zu kleben, braucht es nicht viel Geschick.
Ich hoffe für Mechthild Gläser, dass sie zufrieden ist mit dem Aussehen ihres Buches. Es ist bestimmt ein wohltuender Komfort, die eigenen Geschichten bei einem Verlag wie Loewe in Obhut zu wissen, aber bei der Covergestaltung ist es wohl jedes Mal aufs Neue ein Himmel-oder-Hölle-Spiel.


Es gibt da übrigens ein noch viel tiefschürfenderes Cover-Problem, das einen regelrechten Shit-Storm auslöste. Dagegen ist DIE BUCHSPRINGER harmlos. Es ist zugegebenermaßen schon ein alter Schuh, aber immer noch ein großes Leid. Ich spreche von der Neuauflage der Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. Aus der fragwürdigen Argumentation heraus, Terry Pratchetts clever-humorvolle Geschichten aus der schmuddeligen Fantasyecke herauszuholen, um sie einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen, beschloss der Manhattan-Verlag vor ein paar Jahren, den Scheibenwelt-Büchern eine Grunderneuerung zu verpassen. Ich würde es auch begrüßen, wenn noch mehr Menschen auf den Pratchett-Geschmack kämen, aber mit den neuen Covern dürfte das ein Schuss in den Ofen gewesen sein. Ich mochte den quirligen Kitsch der alten Cover von Josh Kirby, für mich transportieren sie genau das magisch-verrückte Chaos der Scheibenwelt. Die neuen Cover sind eine Farce. Nicht nur dass ich diese digitale Maltechnik verabscheue. Die Herangehensweise an die Covergestaltung ist für mich keine Frage des Geschmacks mehr, sondern zeugt von einem plumpen Unverständnis für Pratchetts Geschichten (und für Ästhethik im Übrigen auch). Die Bibliotheka Phantastika bringt die Tragödie übrigens noch mal differenzierter und mit informativen Links gespickt auf den Punkt.

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2 Kommentare

  1. Hach ja, für einen schönen Cover-Rant bin ich gerne zu haben. Wobei ich die von dir genannten Beispiele gar nicht so schlecht finde. Das Cover zu den „Buchspringern“ ist mir zwar zu überladen und wirkt wirklich eher wie ein Kinderbuch – erinnert mich ein wenig an die Hardcover zu „Die Sturmkönige“ von Kai Meyer, die mir zwar sehr gut gefallen (viel besser als die Einheitsfotos der TBs), aber leider an der Zielgruppe vorbeigehen. Aber wenigstens wurde sich hier um ein individuelles, auf den Inhalt passendes (?) Cover bemüht, was man ja auch nicht immer hat.

    Was die Cover von Pratchett angeht, habe ich auch ein gewisses Verständnis für die Verlagsentscheidung. Als ich von Fantasy im Allgemeinen und Pratchett im Besonderen noch wenig Ahnung hatte, fand ich das Cover zu „Rollende Steine“ im Bücherschrank meines Vaters ziemlich abschreckend. Okay, vielleicht gerade deshalb habe ich das Buch eines Tages trotzdem hervorgeholt, angefangen zu lesen und dann war mir das Cover schnurz. Nachdem ich noch einige andere Scheibenwelt-Romane durch hatte, fand ich die Cover dann auch irgendwann passend und toll. Aber sie sind eben doch eher was für Leute, die die Reihe schon kennen. Ob die neuen Cover eine gelungene Alternative sind, darüber lässt sich streiten; ich denke, man hätte auch andere Lösungen finden können, z.B. gibt es ja auch von Kirby weniger überladene Illustrationen. Aber ich bemerke in meinem fantasy-unaffinen Umkreis tatsächlich immer mehr Pratchett-Romane, seit es die neuen Cover gibt.

    Richtig übel fand ich, was damals Goldmann/Blanvalet mit den Drachenlanze-Cover angestellt hatten. Die genialen Illustrationen von Elmore, Stawicki und Co. wurden hier gegen quietschbunte Cover eingetauscht, die nun wirklich jedem Fantasyklischee entsprochen haben. Der Gedanke dahinter war, dass man den Lesern nicht die Möglichkeit nehmen wollte, sich ein eigenes Bild von den Figuren zu machen. Aber stattdessen diese Quietschcover zu nehmen … *kopfschüttel* Der Verlag hat wohl irgendwann auch eingesehen, dass das nicht die beste Lösung war – bei den jüngsten Romanen wurde doch wieder auf Stawicki-Illustrationen zurückgegriffen

    (Ein Beispiel.
    Stawicki-Cover: http://www.dassein.de/mediawiki/images/c/ce/Der_Hammer_der_G%C3%B6tter.jpg
    Neues Cover: http://halloabenteuer.de/wok/vollerdrom/archiv/buecher/drachenlanze/bchronik5_6.jpg)

  2. Ich mag die schlichten Eisenheim-Cover auch lieber (erinnert mich daran, daß ich „Nacht aus Rauch und Nebel“ endlich mal vom SuB ziehen könnte ;-)), kann mit den „Buchspringern“ aber leben…

    … vor allem im Vergleich zu den besagten neuen Pratchett-Covern, die ich auch ganz furchtbar finde. Mit Erscheinen dieser auch noch völlig sinnlos überteuerten Bücher bin ich zu den englischen Ausgaben gewechselt.
    Und die Ausreden des Verlags lasse ich auch nicht gelten. Ich habe die Scheibenwelt zwar mit den alten Kirby-Covern kennen- und liebengelernt, aber ich bin durchaus offen für andere Coverdesigns. Die englischen Ausgaben zeigen gleich mehrfach, wie das sehr ansprechend funktionieren kann. – Paul Kidbys IIllustrationen sind nicht ganz so verrückt, treffen aber den Scheibenwelt-Geist auch sehr gut, wie ich finde. Und zuletzt hat mich die „Discworld Hardback Library“ von Gollancz mit Covern von Joe McLaren ebenfalls überzeugt.

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