Geh nicht zu tief hinein in die NACHT OHNE NAMEN

Nacht_ohne_Namen

„… Fließende und Fleischliche schließen gelegentlich Pakte. Wir kriegen was von euch, ihr kriegt was von uns. Realität gegen Fließendes Wort. Das heißt, wir können die Gesetze der Natur für euch ein wenig biegen, dafür kriegen wir was von eurer Realität ab. Wir existieren nämlich nicht von uns aus in dieser Welt. Nur durch euch.“ Er öffnete seine zweite Cola und beobachtete nun sie mit einiger Skepsis. „Du sagst gar nichts.“
„Ich soll doch mit den Fragen warten, bis du fertig bist.“
„Ach so, ja. Im Prinzip bin ich fertig.“
Nicki zupfte an einem Salatblatt, das aus ihrem Wrap regte. Eine Weile schwiegen sie sich an.
„Das Rülpsen hat den Auftritt ruiniert, oder?“, fragte er schließlich.

Nicki, die leidenschaftliche grüblerische Zeichnerin, die so wenig mit ihren Mitschülern anfangen kann, verliebt sich in den undurchschaubaren Canon. Nicki ist intensiv – in ihren Gefühlen und Gedanken, ihrem Zeichnen, ihrem Sein. Und unbewusst ist sie auf der Suche nach einem seelischen Gegenstück, das von der gleichen Intensität wie sie durchdrungen ist, denn in der dumpfen Welt, die sie umgibt, fühlt sie sich gefangen. Dieses Übermaß an „Realität“, das sie und Canon zusammenbringt, ist es auch, das die sogenannten Fließwesen anzieht wie die Motten das Licht.

„Nomen est omen“

Wie gewohnt, tischt uns Jenny-Mai Nuyen komplexe Charaktere auf, in denen sich alltägliche Sorgen und existentielle Fragen mit übernatürlichen Herausforderungen und großen Gefühlen vermischen. Hier ist es Nicki, die aus einem zerrissenen Elternhaus stammt und bereit ist, ihre Seele aufs Spiel zu setzen, um den Jungen zu retten, den sie liebt.
Aber Jenny-Mai Nuyen schreibt nie einfach so eine phantastische Abenteuer-und-Liebesgeschichte, ohne auch tief in die psychologische und philosophische Kiste zu greifen. In NACHT OHNE NAMEN spielt sie mit dem abstrakten Begriff der „Realität“ und verleiht ihm etwas Fassbares, Formbares, ja sogar Verhandelbares. Menschen, die im Jetzt leben und ihren Herzenswunsch kennen statt einer gesellschaftlichen Norm hinterherzujagen, sind randvoll mit „Realität“. Und solche sind es, nach denen sich die Fließwesen sehnen, die körperlos mit einem Minimum an „Realität“ existieren müssen.

Entstanden Fließwesen als Kopfgeburten der Menschen oder existierten sie schon lange vor ihnen? Tatsache ist, dass sie auf einer stofflosen geistigen Ebene, die Kanzlei der Unterwelt genannt, sehr real und zahlreich sind. Von hier aus sind sie immer auf der Suche nach Menschen, denen sie eine brennende Sehnsucht erfüllen wollen, um sich im Tausch ab und zu ihren Körper auszuleihen. Die wichtigste Variable für die Schließung eines solchen Paktes ist dabei der Name eines Menschen, denn die eigene Benennung ist es, durch die sich ein Mensch seiner Existenz bewusst ist. Wie gut, dass Nicki nicht ihren echten Namen verrät, als sie sich Hals über Kopf auf ein Fließwesen namens Tallis einlässt. Aber wie sehr ist Nicki schon Nicki, die ihren Spitznamen von Canon erhielt, der einen immer größeren Platz in ihrem Herzen einnimmt?
Während Jenny-Mai Nuyen Nicki durch das nächtliche Berlin und die labyrinthische Kanzlei stolpern lässt, konfrontiert sie uns in subtile Metaphern verpackt mit den Fragen, wo die Grenze ist zwischen Realität und Vorstellungskraft, ob Realität und Vorstellungskraft überhaupt getrennt voneinander existieren können und zeigt uns, wie irreal die Realität sein kann und wie erdrückend Gedanken. Eine grandiose Thematik, die in der Fantasyliteratur bestens aufgehoben ist.

Ein Gefühl der Unvollständigkeit

Auf der symbolischen Ebene ihrer Geschichte weiß Jenny-Mai Nuyen mich einmal wieder vollkommen zu überzeugen, auch der Detailreichtum ihrer phantastischen Welt lässt keine Wünsche offen, trotzdem bin ich nicht so zufrieden wie sonst aus dieser Geschichte zurückgekehrt. Zum ersten Mal hat mir Jenny-Mai Nuyen das Gefühl gegeben, eine Geschichte nicht ganz zu Ende geführt zu haben. Ein in der Unterhaltungsliteratur eher unübliches offenes Ende gehörte bei ihren Romanen immer schon dazu – neben der Klugheit ihrer Geschichten einer der Gründe, weshalb ich die Autorin sehr schätze. Nichts ist schlimmer für eine Geschichte als ein absolutes Ende zu erfahren, in dem alle Fragen geklärt und Probleme gelöst sind und die Protagonisten in eine ereignislose Zukunft, in die Stagnation geschickt werden. Aber es ist etwas anderes, sich mit dem Gefühl der Unvollständigkeit aus einem Roman zu verabschieden. Das furiose Finale kam etwas zu abrupt zu einer Auflösung, eine bedrohliche Randfigur drängte auf den letzten Seiten plötzlich in den Vordergrund, während andere Figuren, deren Stern für kurze Zeit aufgehen durfte, zu Statisten verblassten – kurz gesagt: Es fühlte sich an als müsste diesem Buch noch eine Fortsetzung folgen.

NACHT OHNE NAMEN wird aus Nickis Perspektive erzählt, bis auf ein Kapitel, in dem wir in die Haut zweier Nebenfiguren schlüpfen, Gretchen und Theo, und ganz wundervolle, erhellende, intime Einblicke erhalten. Es existieren also weitere faszinierende Lebenswelten außerhalb von Nickis Perspektive, die der Geschichte noch mehr Tiefe und Vielfältigkeit verleihen. Der kurze Blick hinter die Tür hat mich hungriger gemacht auf mehr statt mir ein erfüllender Appetithappen zwischendurch zu sein. In dieser Hinsicht hätte das Buch gerne ein paar Kapitel mehr vertragen können. Gretchen und Theo sind mir viel näher gekommen als es wiederum Canon geschafft hat, um den Nickis Gedanken unentwegt kreisen, der mir als Leserin aber fremd geblieben ist. Seine Rätselhaftigkeit und Distanziertheit sind zwar Bestandteil des Gefühlschaos, mit dem Nicki sich herumschlägt, aber neben dem allzu präsenten Paradiesvogel Tallis, der entzückend unverschämt um Nickis Herz und das der Leser buhlt, schneidet er ziemlich schlecht ab.

Es ist ein bisschen schade, weil ich mir jetzt das Hirn zermartere, welche Gründe es haben könnte, dass NACHT OHNE NAMEN diese Unvollständigkeit anhaftet, statt mich zurückzulehnen und die Lebendigkeit der Geschichte durch meinen Geist schwirren zu lassen. Trotzdem ist auch dieser Roman von Jenny-Mai Nuyen eine klare Leseempfehlung von mir. Auf die tatsächliche Handlung bezogen mag er mich nicht ganz zufriedengestellt haben, aber die Hingabe, mit der die Autorin ihrer Welt Bedeutung verleiht und in ihr ein Kernthema der menschlichen Existenz versinnbildlicht, macht NACHT OHNE NAMEN zu einem wertvollen und genussvollen Jugendbuch.

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>> Zum Special rund um das Buch geht es hier: NACHT-OHNE-NAMEN-Special. Besonders ein Blick auf die der Veröffentlichung vorangegangene Testleseaktion lohnt sich, um einen Eindruck zu gewinnen, was die Autorin und ihre Geschichte verbindet.

>> Auf Literaturschock.de gibt es ein Audio-Interview mit Jenny-Mai Nuyen, das im Rahmen einer Lesung der LBM 2015 entstand und in dem die Autorin sehr offen und gewohnt sympathisch über ziemlich innere Dinge plaudert.


Jenny-Mai Nuyen: Nacht ohne Namen.
dtv Verlag, 2015.
Gebunden. 16,95 €.

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