Gute Nacht, Prinzessin

Eine Geschichte, Lea!, waren die atemlosen Rufe. Kinderfüße trampelten die Treppe hinter ihr hinauf und umzingelten sie.
Ich bin müde wie ein Hund, seufzte die ältere Schwester.
Du hast gesagt, immer wenn du zu Besuch kommst, erzählst du eine Geschichte, beschwerte sich Helen, die sich mit ihren neun Jahren für sehr reif hielt. Sie hatte Argumente. Lea hatte es tatsächlich versprochen.
Sie ist schon zu alt, um sich was auszudenken, triezte Jan. In cooler Pose lehnte er an der Wand und hatte die Arme gekreuzt. Er war zwölf, bereits zu groß für Märchen, wie er fand, und Leas aufmerksamster Zuhörer. Seine Augen funkelten angriffslustig.
Oskar zog unablässig an ihrer Hand, doch er blieb stumm. Lea spürte die weiche Haut an der ihren und musste sich eingestehen, dass sie den kleinen Bruder in München, wo sie studierte, am meisten vermisste. Als sie zu ihm hinuntersah, lächelte er so begeistert, dass sie sich selbst sagen hörte: Also schön, also schön. Ab auf das Märchenschiff.

Das Märchenschiff war groß und weich, mit hübsch bemusterten Decken und Kissen und flankiert von weichen Lampen. Es thronte im Schlafzimmer der Eltern.
Diese überließen den Kindern gerne ihr Ehebett an solchen Abenden, um ungestört von wuselnden Beinen und plappernden Mäulern, einen Fernsehfilm und traute Zweisamkeit zu genießen.
Die Jungs und Mädchen stürmten los, um ihre Kuscheldecken und Kuscheltiere zu holen. Nach einem kurzen Heulkrampf, viel Geschrei und Gezanke lagen endlich alle Leichtmatrosen um ihren Kapitän versammelt an Deck, kreuz und quer aneinandergekuschelt.
Lea ließ ihren Blick wandern. Eine Idee, eine Idee aus ihrem müden Hirn. Um Zeit zu schinden, nahm sie das Glas Wasser in die Hand, das ihr Kathi in zeremonieller Geste auf den Nachttisch gestellt hatte, und versank in der kristallklaren Flüssigkeit …

… Das Land Hieroderdort atmete erleichtert aus. Prinzessin Caprice wollte endlich heiraten! Nach monatelangem Zank und Streit mit ihrer Mutter, der Königin und endlosen ernsten Gesprächen mit ihrem Vater, dem König hatte sie sich endlich erweicht, ihre Fühler nach einem passenden Gemahl auszustrecken, wie es sich für Prinzessinnen ihres Alters geziemte.

Die sich mehrenden Liebschaften und Hochzeitspläne ihrer romantischen Freundinnen hatten womöglich auch dazu beigetragen, dass sie ihre Meinung änderte, um nicht dem Trend hinterherzuhinken.
Doch natürlich war sie anspruchsvoll. Sie wollte nicht irgendwen. Ein Magier sollte es sein, jung, schlau und knackig. Wenn sie sich schon in die Gefilde der Gattinnen begeben musste, sollte es mit einem besonders extravagantem Exemplar von Ehemann sein.
Um es kurz zu machen: Caprice sandte unzählige Stahltauben, die Einladungen an jegliche hübschen, intelligenten Magier in ihren Bäuchen trugen, in alle Himmelsrichtungen, setzte sich hin und wartete eine Woche lang. Zum ersten Mal nach all den wütenden und melodramatischen Szenen, die sich abgespielt hatten, war es ruhig, ganz ruhig im Schloss.

Doch dann brach der Tumult los. Wie auf eine unsichtbare Absprache hin, kamen sie alle auf einmal. Innerhalb eines Tages marschierte eine Schar halbstarker Magier in den Palast und nistete sich dort ein. Wochenlang belegten sie alle Gästezimmer und morgens die Badezimmer, brachten einen Bärenhunger mit, sodass zig neue Köche und Gehilfen, Dienstmädchen und Kammerdiener eingestellt werden mussten, die den jungen Herren hinterher räumten und ihnen die Mäuler stopften.
Die meiste Arbeit jedoch machten die eifrigen Bewerber dem Personal mit ihren Zauberkünsten. Im Thronsaal stellten sie der Prinzessin täglich ihr Können unter Beweis, zauberten und schwitzten, was das Zeug hielt, und machten einen derartigen Dreck, richteten eine solche Verwüstung an, dass das Gesinde Beschwerde beim König einreichte. Die Königin lag längst mit einer Migräne in ihrem abgedunkelten Schlafzimmer.
Kronleuchter kamen zu Fall, der teure Marmorboden wurde zerkratzt, Vorhänge zerfetzt, kostbare Vasen zersprangen und über allem lag immerzu ein dicker Rußteppich, dessen Urheber niemand gewesen sein wollte.

Der König konnte nur mit den Achseln zucken und sich zu seiner Kaktussammlung zurückziehen. Lasst die Prinzessin nur walten, dann ist es schneller vorbei, war stets seine müde Antwort.
Es ging natürlich irgendwann vorbei.
Nach und nach dünnten sich die Reihen aus, aus tausend Bewerbern wurden fünfhundert, bald hundert, dann dreißig und schließlich fünf. Diesen Auserkorenen stellte Caprice eine besondere Herausforderung. Es war die letzte Wettkampfrunde und wer sie meisterte, sollte sie fortan Schatzi nennen dürfen. Sie ließ die Finalisten vor sich treten und verkündete: Zeigt mir die Welt in einem Wasserglas!
Der Aufruf hing einen unendlichen Augenblick im Raum, während die Magier Caprice ungläubig anstarrten. Eine schier unmögliche Aufgabe. Eine kapriziöse Aufgabe, wie sie nur von einer Prinzessin wie ihr kommen konnte. Doch die jungen Burschen wollten sich nicht anmerken lassen, dass sie die Hosen voll hatten. Sie bissen die Zähne zusammen und zogen von dannen, um ausfindig zu machen, wie man die Welt in ein Wasserglas bannt.

Lea hielt inne, nahm einen Schluck Wasser und genoss die Kühle in ihrer Kehle. Gespannte Gesichter drängten sie, weiterzuerzählen.

Eine schier endlose Zeit verging, die sich für Caprice zäh dahinstrecke, wie das Kaugummi, das sie am Fenster wartend kaute. Als sie die wackeren Helden nach etlichen Sonnenauf- und Sonnenuntergängen endlich am Horizont erblickte, klebte sie es an die Scheibe und eilte mit rauschenden Röcken die Treppen und Treppchen, Stufen und Wendelgänge hinunter, um sie zu begrüßen. Zerzaust waren sie alle, wortkarg und beladen mit den absonderlichsten magischen Utensilien. Nur einer kam so zurück, wie er gegangen war, hatte bloß das Hemd gewechselt und sich die Haare gebürstet. Und einer fehlte. Es störte niemanden.

Nacheinander stellten die Magier Caprice ihre Wunderwelten vor. Numero Eins hatte ein Unterwasserparadies gezaubert. Miniaturfische schwammen darin herum und Miniaturnixen mit nackten, runden Brüsten. Es gab ein versunkenes Schiff, eine versunkene Stadt und eine Schatztruhe, die aufklappte und eine Luftblase in Herzform entließ.
Der König, der neugierig aus dem Gewächshaus geschlichen war, klatschte begeistert in die Hände. Den musst du nehmen, der ist klasse!, rief er, doch Caprice schüttelte den Kopf.
Numero Zwei stellte ein dickwandiges Glas auf den Tisch. Es war mit grünlichem Wasser gefüllt, in dessen Mitte sich ein kleiner Globus drehte. Der Magier bat die Prinzessin näher, damit sie betrachten konnte, wie es sich auf seiner kleinen Welt tummelte und regte. Sie musste sich ein magisches Opernglas reichen lassen, um etwas zu erkennen, doch da, tatsächlich, winkten ihr winzigkleine Menschen. Aus winzigkleinen Häusern kamen sie und fuhren winzigkleine Automobile. Sie wartete, bis die Kugel sich drehte, und erblickte winzigkleine Menschlein von violetter Hautfarbe, die zu ihr hinaufstarrten, mit dem Finger auf sie zeigten und hektisch gestikulierten. Dann liefen sie plötzlich stumm schreiend davon in ihre Häuser.
Fantastisch!, freute sich der König. Sie sind ein Meister! Ich bin außerordentlich fasziniert. Könnten Sie sich vorstellen, für das Atlantenzimmer… Wäre es möglich… Doch Caprice richtete sich auf und schüttelte den Kopf.
Numero Drei war an der Reihe. Also, ich hab mir das so gedacht, begann er nervös und schob die Brille an seiner Nase hoch. Ich hab mich hingesetzt und erstmal darüber nachgedacht: Was bedeutet das: die Welt im Wasserglas? Kaum vorstellbar, denken wir, aber ist es nicht so, dass alles Große aus vielem, vielem Kleinen besteht, das wiederum aus noch viel Kleinerem zusammengesetzt ist? In einem Wasserglas tummelt sich eine Welt, zahlreicher als unsere, aus Abermillionen von Wassertropfen, die sich spalten lassen –
Was soll das?, unterbrach ihn Caprice. Du sollst keinen philosophischen Vortrag halten!
Und mit einer energischen Handbewegung wies sie den armen Mann ab.

Es war nur noch einer an der Reihe. Der Magier, der aussah als sei er nur für ein Stündchen auf einen Kaffee verschwunden. Er holte ein einfaches Trinkglas aus seinem Rucksack und füllte es mit einem Fingerschnippen. Dann zog er aus der Jacke einen kleinen Spiegel und ließ ihn hineingleiten. Mit einer Verbeugung bat er Caprice näherzukommen und hineinzusehen. Diese beugte sich skeptisch über das Glas und erblickte wie erwartet: Nichts, außer meinem Spiegelbild. Das ist ja noch schlechter als das philosophische Gequatsche!
Der Magier lächelte: Die Aufgabe war, die Welt in einem Wasserglas zu zeigen und das habe ich getan. Ihr habt meine Welt in einem Wasserglas gesehen, Ihr seid meine Welt, Caprice.
Verblüfft von dieser simplen und so brillanten Lösung wurde Caprice es ganz rosig und warm ums Herz. Sie sagte…

Lea trank das Glas Wasser in langsamen, von ihren Geschwistern fest beobachteten Schlucken leer.

Was sagte sie?, rief Kathi.

Sie sagte nichts, denn plötzlich ging das Licht aus und Caprice, der Magier und ihre ganze Welt waren nicht mehr.

Die Kinder schrieen empört auf. Das geht doch nicht! Was für ein blödes Ende! Lea lächelte nur. Sie hielt einen Moment inne, bevor sie fortfuhr:

Der fünfte Magier, der verschollen geblieben war, hatte sich einen ganz geschickten Zauber ausgedacht. Ihm war es gelungen, die gesamte Welt, in der sie lebten, in ein Wasserglas zu bannen. Ein so genialer, metamagischer Zauber, dass er eigentlich den Wettbewerb hätte gewinnen müssen. Doch bevor er seinen Geniestreich beweisen konnte, kam ein Dichter und leerte das Glas Wasser, das auf seinem Pult stand. Er genoss das erquickende Gefühl, das seinen Durst löschte und seinen Geist stimulierte, wie er es nannte. Jedes Mal fühlte er sich gut und beschwingt, die Feder zu ergreifen. Als er am Abend seine Geliebte besuchte, küsste er sie auf die Hand und geleitete sie zu ihrem Diwan. Dann kniete er vor ihr und sagte mit funkelndem Blick: Wilhelmine, mir ist ein zauberhafter Einfall für ein Märchen gekommen! Setz dich, mein Herzblatt, und lausche …

Jan, Helen und Kathi beäugten das unschuldige Wasserglas in Leas Hand und schwiegen. Nur Oskar schlief seinen Kinderschlaf, unberührt.


(c) Aileen Kopera

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