DIE SEITEN DER WELT – Kai Meyer spaltet das Seitenherz

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Origamitiere, die sich von Buchstaub ernähren, aus Büchern gefallene Buchstaben mit Schwarmintelligenz, tragische Exlibri, die bei bibliomantischen Experimenten aus ihren Büchern gerissen wurden und ein Leben am Rande der Gesellschaft fristen, ein Friedhof für Bücher, der gleichzeitig ein Garten ist, in dem sie zu neuem Leben gedeihen, und ganz besonders verlockend: Seelenbücher, die die Macht der Bibliomantik wecken …

Die fünfzehnjährige Furia Salamandra Faerfax lebt den Traum eines jeden Buchnarren. Aufgewachsen auf einem herrschaftlichen englischen Landsitz zwischen den Regalen einer unendlichen unterirdischen Bibliothek, sprechenden Möbeln und einem Abenteurer als Vater, der mit Büchern Magie wirkt, will auch sie endlich diese außerordentliche Begabung, die Bibliomantik, in sich erwecken. Und dafür muss sie ein ganz bestimmtes Buch finden: ihr Seelenbuch. Als jedoch ihr kleiner Bruder entführt wird, muss sie erkennen, dass die Welt, in der sie aufgewachsen ist, unter der Last schrecklicher Geheimnisse und der blutigen Geschichte ihrer Familie zusammenbricht. Sie erfährt, dass die uralten Feinde ihrer Familie im Begriff sind, alle Bücher der Welt zu „entschreiben“. Auf der Spur ihrer Feinde gelangt sie nach Libropolis, einer magischen Stadt, die vor Bibliomantik nur so strotzt. In dieser fremden Welt, in der sie ständig auf der Flucht ist, gewinnt sie ungewöhnliche und nicht ganz durchschaubare Gefährten, die ein ähnliches Ziel verfolgen wie sie.

Mit seiner magiebehafteten Bücherwelt erfindet Kai Meyer das Rad nicht neu, diese raffinierte Metaebene ist so alt – und abwechslungsreich umgesetzt – wie das Geschichtenerzählen selbst. Aber er muss das auch nicht, denn das reizvolle Gedankenspiel mit dem mystischen Objekt Buch hat ihn, wie auch schon Michael Ende, Cornelia Funke, Walter Moers usw., zu einer ganz eigenen Welt beflügelt. Auf die Originalität seiner Vorstellungskraft, auf seine große Erzählkunst, die sich in dichter Handlung und lebendig gezeichneten Figuren manifestiert, ist Verlass. Kai Meyer nährt den tiefen Wunschtraum vieler (junger) Leseratten, dass sich zwischen den Zeilen von Büchern Magie hervorlocken lässt: Um ein Bibliomant zu sein, muss man genau diejenigen Eigenschaften erfüllen, die einen leidenschaftlichen Buchliebhaber ausmachen.

DIE SEITEN DER WELT war ein absolut zufriedenstellender, in allen Belangen gelungener Schmöker, der mir dieses bestimmte Lesegefühl von „damals“ zurückgegeben hat: ein Vibrieren im Geist über das Glück, zwischen zwei Buchdeckeln eine Welt zu finden, die zu mir passt.

Am 25. Juni 2015 erscheint der zweite Teil der als Trilogie angelegten Geschichte um Furia, Libropolis und die atemberaubende Welt der Bibliomanten. Und damit nicht genug: Auf der eigens für die Bücher eingerichteten Website seiten-der-welt.de sind angehende Bibliomanten dazu aufgerufen, Furia und ihre Freunde in ihrem Kampf zu unterstützen. Ich bin nicht unbedingt Fan von groß angelegten Marketingkampagnen für Bücher, aber bei einer so liebevollen, aufwändigen und kreativitätsbeflügelnden Gestaltung, empfehle ich gerne, einen Blick darauf zu werfen.


Kai Meyer: Die Seiten der Welt.
FJB Verlag, 2014.
Gebunden. 17,99 €.

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